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Eine Operette mit tödlichem Ausgang

Bizets „Carmen“ in Frankfurt als Revue Eine Operette mit tödlichem Ausgang

Ohne Vorwarnung überfällt das Orchester mit dem schmissigen Vorspiel das Publikum – Beginn 
einer in jeder Hinsicht 
außergewöhnlichen „Carmen“-Inszenierung, die keinen Opernfan kalt lässt.

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Don José (Joseph Calleja) will nicht einsehen, dass Carmen (Paula Murrihy) ihn nicht mehr liebt und ersticht sie – in der Frankfurter Inszenierung am Fuße einer Show-Treppe.

Quelle: Monika Rittershaus

Frankfurt. So gründlich gegen den Strich gebürstet und gleichzeitig doch so werkgetreu hat noch kein Regisseur die vielleicht meistgespielte Oper des Weltrepertoires auf die Bühne gebracht.

Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin, legt radikal das Fundament frei, auf dem Georges Bizet sein Meisterwerk aufgebaut hat: die Pariser Operette, die der gebürtige Kölner Jacques Offenbach zu höchstem Ruhm geführt hat.

Ein enger Verbündeter ist dem Regisseur der Dirigent Constantinos Carydis. Er hat aus den verschiedenen Fassungen, die Bizet hinterlassen hat, eine eigene Version erstellt, in der auch Musik erklingt, die in traditionellen „Carmen“-Produktionen nicht zu hören ist.

Ohne Taktstock dirigierend, den Klang mit beiden Händen formend, erinnert Carydis an den im März gestorbenen „Klangredner“ Nikolaus Harnoncourt – auch was das musikalische Ergebnis angeht: Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester musiziert unter seiner Leitung so kammermusikalisch differenziert wie dramatisch zupackend.

Unter die Haut geht, wie Carydis große Steigerungen aufbaut, etwa im „Danse bohémienne“ zu Beginn des 2. Aktes, nach dem der Applaus geradezu explodiert – Lohn für die drei Sängerinnen, die nicht nur singen, sondern gemeinsam mit sechs Tänzern auch schwindelerregend schnell tanzen müssen (Choreografie: Otto Pichler). Das Sextett wird zusammen mit dem von Kosky virtuos bewegten und ebenso singenden Chor (Einstudierung: Tilmann Michael) zu wichtigen Handlungsträgern.

Eine Männerverführerin 
à la Marlene Dietrich

Carydis ist aber auch ein idealer Sängerdirigent, der jeden aus dem fast nur aus Rollen­debütanten bestehenden und ausnahmslos überzeugenden Ensemble auf Händen trägt. Ein Weltstar ist dabei, der sich aber nicht als solcher geriert: Joseph Calleja.

Frankfurts Intendant, der ausgewiesene Stimmen-Fachmann Bernd Loebe, zählte vor fast zwei Jahrzehnten zu seinen Entdeckern, weswegen Calleja immer wieder an der Oper Frankfurt gastiert. Mit dem Don José erobert er sich weiter das dramatische Fach, zum Glück, ohne seinen dunkler und fülliger gewordenen Tenor an seine Grenzen zu führen.

Und vor allem vergisst er seine lyrische Herkunft nicht. So singt er mit betörendem Schmelz die „Blumenarie“, gekrönt von einem nicht geschmetterten, sondern schwebenden hohen B, das er sogar mit einem Diminuendo verklingen lässt.

Schauplatz: eine 16 Stufen zählende Show-Treppe

Paula Murrihy verfügt für die Titelpartie über die federnde Leichtigkeit einer Chansonnière, lässt ihren schlanken Mezzosopran aber auch mühelos das Orchester überstrahlen. So wandelbar wie ihr Gesang ist die Metamorphose, die sie als Gestalt durchlebt: vom weiblichen Torero des Beginns über die androgyne Männerverführerin à la Marlene Dietrich, die sich aus einem Gorilla-Kostüm schält, bis zur finalen Todesbraut in Schwarz. Sie ist der Mittelpunkt von Koskys Inszenierung, die wie eine 20er-Jahre-Revue angelegt ist– mit Anleihen aus der (Stumm-)Filmgeschichte.

Anstelle der gesprochenen Dialoge lässt Kosky Carmens Stimme (Claude De Demo mit sanft beschwörendem Ton) als Conférencier aus dem Off erklingen. Schauplatz ist eine bühnenbreite, 16 Stufen zählende Show-Treppe (Ausstattung: Katrin Lea Tag).

Doch setzt Kosky nicht nur auf Unterhaltung. Dort wo es ernst wird, hat seine Personenführung Tiefgang – bis hin zum abschließenden Duell, das für die Titelheldin tödlich endet. Aber nicht in Frankfurt: Nachdem Don José die Ex-Geliebte erdolcht hat, wirft er sich nicht wehklagend über sie, sondern steigt langsam die Treppe hinauf – der irdischen Gerechtigkeit entgegen. Und Carmen? Die steht wieder auf, lächelt ins Publikum und zuckt mit den Achseln. Fast meint man aus ihrem Munde zu hören: „C‘est la vie“ – so ist das Leben.

Nicht allen Premierenbesuchern gefiel diese Inszenierung. Aber die „Buh“-Rufer waren eindeutig in der Minderheit.

von Michael Arndt

 
Informationen
Alle weiteren Vorstellungen in dieser Spielzeit sind ausverkauft. Allerdings wird „Carmen“ bereits ab September wieder ins Repertoire aufgenommen – weitere Infos auch über den Spielplan der kommenden Saison gibt es auf www.oper-frankfurt.de
 
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