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Eine „Kanthari“ mit Herz und Seele

Sabriye Tenberken stellt Buch vor Eine „Kanthari“ mit Herz und Seele

Sie spürt in Tibet sehbehinderte Kinder auf, entwickelt eine tibetische Braille-Schrift und hilft ausgegrenzten Menschen, ihre Träume zu verwirklichen. Die sehbehinderte Autorin Sabriye Tenberken beeindruckt.

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Sabriye Tenberken und Paul Kronenberg nehmen sich im Anschluss an die Lesung noch viel Zeit für Fragen, Gespräche und Signierwünsche.

Quelle: Selina Boucsein

Marburg. „Ich habe damals in der ‚Blista‘ schon von ihr gehört“, sagt eine Besucherin der Lesung von Sabriye Tenberken. Sie sei unter den bisherigen Absolventen schon eine besondere Person. Diese Besonderheit erkannten schon viele, sie wurde unter anderem mit dem Charity-Bambi, dem Hero Award des Time Magazine und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und war 2005 für den Friedensnobelpreis nominiert. Außerdem war sie Gast in der „Oprah Winfrey Show“, die als erfolgreichste Talkshow des amerikanischen Fernsehens gilt.

Unter den Gästen im Technologie- und Tagungszentrum sind viele Sehbehinderte, einige von ihnen besuchten, genau wie die Autorin, die Deutsche Blindenstudienanstalt Marburg (Blista). Tenberken lebte lange Zeit in Marburg. Und so sind die Besucher auch so etwas wie „ein Heimspielpublikum“, wie Manfred Paulsen von der Kulturellen Aktion Marburg – Strömungen und Veranstalter der Lesung, meint. Begleitet wird Tenberken von ihrem Lebensgefährten Paul Kronenberg, der einige Passagen aus dem neuen Buch der 45-Jährigen liest.

Die Welt verändern lernen Tenberken erblindete mit 9 Jahren langsam durch eine Netzhauterkrankung, mit 12 hatte sie ihr Augenlicht völlig verloren. Sie studierte unter anderem Tibetologie und reiste 1997 nach Tibet, wo sie Kronenberg kennenlernte. Gemeinsam verwirklichten sie 1998 ihren Traum, eine Blindenschule in Tibet zu gründen. In ihrem vierten Buch, „Die Traumwerkstatt von Kerala. Die Welt verändern – das kann man lernen“, beschreibt sie nun ihr 2009 entstandenes Projekt. Das „Kanthari-Institut“ in Kerala in Indien bietet ein Stipendium für soziale Visionäre aus aller Welt, die selber gesellschaftlichen Randgruppen angehören.

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„Nur nicht die Wut verlieren“, das war Tenberkens eigene Vorstellung des Buchtitels. Denn genau das macht die Teilnehmer des Projekts aus. Sie alle erlebten Schlimmes, wurden ausgegrenzt, verfolgt oder misshandelt. Ihre Wut darüber wollen sie nutzen, um Gutes zu vollbringen.

So wie Nicholas, der durch seine Sehbehinderung von Lehrern und Schülern gleichermaßen verspottet wurde. Im „Kanthari-Institut“ entwickelte er seinen Traum, nun ist er Schulleiter einer vorbereitenden Grundschule für lernbehinderte Kinder. Oder wie Jayne aus Kenia, die Albinisimus hat und deswegen um ihr Leben fürchten muss, weil Menschen mit Albinismus in Ostafrika gejagt werden. In der Schule wurde sie von den anderen Kindern „Geist“ genannt, Erwachsene hielten sie für eine Hexe. Nun setzt sie ihr Leben dafür ein, gegen Albinomorde vorzugehen.

Tenberken liest vor, wie ihnen die Idee für den Namen des Instituts kam. Ihre Finger huschen schnell über das Papier, sie liest laut, energisch und voller Freude, als könne sie es kaum erwarten, von ihrem Projekt und den kreativen Menschen zu erzählen. „Kanthari“ ist eine Chili-Art, die in Kerala überall wild wächst. Sie ist unglaublich widerstandsfähig, sieht harmlos aus, ist aber scharf und feurig. Als Tenberken diese Chili probiert, weiß sie, dass die Absolventen des Instituts alle „Kantharis“ sind.

Tenberken ist selbst eine „Kanthari“, das merkt der Zuhörer sofort. Ihr Engagement und ihre Leidenschaft haben noch lange kein Ende. Träume haben Tenberken und Kronenberg noch einige, sie könnten sich weitere „Kanthari-Institute“ in anderen Ländern vorstellen.

  • Sabriye Tenberken: „Die Traumwerkstatt von Kerala. Die Welt verändern – das kann man lernen“, Kiepenhauer & Witsch, 288 Seiten, 19,99 Euro.

von Selina Boucsein

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