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Eine Bande von Egomanen

Kinder der Sonne am Stadttheater Gießen Eine Bande von Egomanen

Als System basiert Gesellschaft auch auf gemeinschaftlichen Ritualen ihrer Mitglieder. Das ist nichts Schlechtes. Doch was passiert, wenn es bloß noch diese Rituale und kein zwischenmenschliches Miteinander mehr gibt?

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Bloß das Teetrinken als Ritual hält die Gruppe in „Kinder Sonne“ zusammen – selbst in einer zerstörten Welt. Foto: Janeck

Quelle: Dietmar Janeck / Dietmar.Janeck@

Gießen. Diese spannende Frage stellt Maxim Gorkis 1905 entstandenes Stück „Kinder der Sonne“, das am Samstag in einer Inszenierung von Wolfram J. Starczewski am Stadttheater Premiere hatte. Und mit Fug und Recht darf man von einem gelungenen Theaterabend sprechen, bei dem der Regisseur in erster Linie auf schauspielerische Leistung setzte.

Das ist dem Stück angemessen, denn Gorki geht es darum, eine Gemeinschaft zu zeigen, die im Grunde nichts mehr zusammenhält außer einigen hohl gewordenen Ritualen wie dem gemeinsamen Teetrinken. Gorki pfercht zehn Akteure auf engstem Raum zusammen, um sie miteinander zu konfrontieren. Rein äußerlich wird diese Gruppe durch ein Verwandtschaftsnetz zusammengehalten. Doch sehr schnell wird klar, dass hier eigentlich tiefe Beziehungslosigkeit vorherrscht und sich jeder bloß für seine Angelegenheiten interessiert. Bricht dann doch mal echte Emotion ins Leben ein, entstehen sofort Panik und Katastrophen. Gorkis bitterböse Gesellschaftssatire zeigt eine Bande von Egomanen, die ihr erzwungenes Zusammenleben durch hohle Rituale garantiert und durch ein hohes Maß an weitgehend selbstentstellender Contenance - beides hat das Ensemble glänzend umgesetzt.

Allen voran Milan Pešl als Hausherr Pawel Protassow, der zwar nicht wirklich bösartig, dafür aber zutiefst menschenscheu, sozial inkompetent und deshalb fanatisch wissenschaftsgläubig daherkommt. Emotionaler Kontakt mit anderen? Ist nichts für Pawel, der sich vor der fast kindlichen Liebe von Melanija, rührend: Mirjam Sommer, in die Bücherwelt flüchtet. Und im Grunde auch nicht für seine Ehefrau, die Carolin Weber reizend aufmüpfig spielte. Nicht so reizend: Sie benutzt die Liebe des Malers Wagin (Roman Kurtz), um die Leidenschaft ihres Mannes zurückzugewinnen.

Man darf durchaus von Missbrauch des anderen sprechen, auch im Fall von des Hausherren Schwester Lisa, die Ana Kerezovic´ gekonnt als flatterhaftes und mit Weltschmerz kokettierendes Mädchen spielte. Sie genießt die Werbungen des unsicheren Boris (Vincenz Türpe) als Selbstbestätigung, um sich der daraus erwachsenden Verantwortung für den anderen erst viel zu spät zu stellen. Auch Handwerker Jegor (Rainer Hutedt) ist nicht besser: Er prügelt seine Frau und sieht sich im Recht. Flankiert wird diese Gruppe von der mürrischen Hausangestellten Fima (Anne-Elise Minetti), deren Liebe zu ihrer kranken Mutter sie am Ende die Gruppe verlassen lässt, dem Hauseigentümer Nasar (Pascal Thomas) und dem Kindermädchen Antonowna ( Petra Soltau), die den ganzen Laden durch das Pochen auf die Einhaltung der Rituale zusammenhält. Schon auf rein darstellerischer Ebene kommt die Botschaft Gorkis, der Gesellschaft als ritualisierte Ansammlung von Egomanen karikiert, richtig gut rüber.

Verstärkt wird der Effekt durch das Bühnenbild von Lukas Noll, das einen futuristisch angehauchten Wohnraum zeigt. Der Clou: Der Raum zerfällt nach und nach, was die Bedrohung der Gemeinschaft durch äußere Gefahren wie Epidemien sehr augenfällig symbolisiert. Doch trotz dieser Gefahren entsteht kein zwischenmenschlicher Zusammenhalt - man trinkt bloß gemeinsam Tee. Das Fazit: Starczewski ist eine rundum stimmige Inszenierung gelungen, bei der von schauspielerischer Leistung über die Bühne bis zu den ebenfalls von Noll stammenden Kostümen alles stimmt.

Weitere Aufführungen sind am 17. und 28. März, 5. und 28. April und 12. und 30. Mai jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus

von Stephan Scholz

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