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Einblick in die Seele eines Monsters

Heinz Strunk las im KFZ Einblick in die Seele eines Monsters

1976 erregte der Gerichtsprozess gegen Fritz Honka nationales Medieninteresse. Dieser Serien­killer dient Strunk, Autor vom Bestseller „Fleisch ist mein Gemüse“, in seinem neuen Werk als Protagonist.

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Der Hamburger Autor Heinz Strunk rückt den Massenmörder Fritz Honka ins Zentrum seines ­neuen Romans, den er im KFZ vorstellte.

Quelle: Benjamin Kaiser

Marburg. Der Name der Hamburger Kneipe „Zum goldenen Handschuh“ weckt falsche Erwartungen. In den 70er Jahren war es keine edle Bar in Hamburg-City, in der überteuerte Cocktails serviert werden.

Ganz im Gegenteil: Die Kneipe war ein Sammelbecken für Aussteiger, Alkoholiker und Prostituierte. Wer diese Spelunke in den 70er Jahren betrat, merkte, dass sich hinter dem einladenden Namen die Eisenfaust des ­Kiezes verbarg – das harte Leben.

Diese Spelunke, die heute noch steht, dient Heinz Strunk als Dreh- und Angelpunkt für seinen im Februar erschienenen Roman. „Seit 1962 hat der Handschuh rund um die Uhr geöffnet, 365 Tage, 24 Stunden am Tag“, heißt es in dem Roman.

Kontrast zwischen Kiez-Leben und „High Society“

Dort lässt Strunk die Schicksale dreier Menschen zusammenlaufen. Sie teilen eine Gemeinsamkeit: die Suche nach sexueller Erfüllung, die bei allen sehr unterschiedliche Züge annimmt. „Ich wollte es mir und dem Leser ersparen, das ganze Buch mit Fritz Honka zu verbringen“, erklärt der Hamburger Schriftsteller bei seiner Lesung im ausverkauften KFZ. Daher die beiden anderen Handlungsstränge im Roman.

Neben Honka liegt der Fokus auf dem Rechtsanwalt Karl von Lützow und Wilhelm Heinrich dem Ersten, einem 17-jährigen Spross einer dem Ruin geweihten hanseatischen Reederdynastie. So baut Strunk den Kontrast zwischen Honkas düsterem Kiez-Leben und der schrillen Welt der Hamburgs „High Society“ auf.

Im Zentrum steht jedoch Honka. Zwischen 1970 und 1975 beging er in Hamburg vier Morde. Die Leichen zerstückelte er und verstaute Körperteile in seiner Wohnung. Honkas Opfer waren Prostituierte und entstammten dem Milieu der Reeperbahn. Er nahm sie in seiner Wohnung auf, versorgte sie mit Alkohol, versklavte und ermordete sie letztlich.

Honka glaubte, dass niemand diese Frauen vermissen würde. Virtuos schildert Strunk diese bestialischen Morde. Einige Passagen des Romans sind nur schwer zu ertragen. Doch diese Szenen umkurvt Strunk in seiner Lesung: „Jetzt kommt etwas, das ist wirklich nicht appetitlich. Das lass‘ ich weg.“

Bemerkenswert authentische Gefühle und Gedanken

Strunks Verdienst ist es, einem so finsteren Stoff viel humoristischen Mehrwert abzugewinnen. Trotzdem sind bemerkenswerte Stimmungsschwankungen im Publikum zu beobachten: Während Sekunden vorher noch herzhaft gelacht wurde, ist es kurz danach totenstill. Einige Zuschauer rutschen auf ihren Stühlen herum. Zwei Frauen halten sich schockiert die Hände vors Gesicht.

„Sie haben wahrscheinlich Schwierigkeiten, solchen Beschreibungen zu lauschen. Ich kann Ihnen sagen, dass mir das Lesen auch nicht leicht fällt“, gibt Strunk zu und lächelt gequält. Auch wenn Strunk die Morde weglässt, gibt es genug Passagen, die Würgereize auslösen. Vor allem die Beschreibung von Honkas Wohnung. Eine Welt voller Dreck, Alkohol und sexueller Perversion, in der vier Frauen starben.

Von der Kritik wurde Strunks Roman hoch gelobt. Strunk versetzt sich gekonnt in andere Personen – teilweise im schrecklichsten Sinne. Bemerkenswert authentisch taucht der 54-Jährige in die Gefühle und Gedanken verschiedenster Charaktere ein.

Allen voran Fritz Honka, den Strunk meistens nur mit dem Spitznamen „Fridde“ tituliert. Die Nähe zum mörderischen Psychopathen ist faszinierend und fesselnd sowie erschreckend und abstoßend zugleich.

von Benjamin Kaiser

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