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Ein zorniges Theater-Erlebnis

Premiere Ein zorniges Theater-Erlebnis

„Früchte des Zorns“ am Hessischen Landestheater polarisiert. Regisseur Markus Heinzelmann mutet dem Publikum und dem Ensemble einiges zu. Gut so. In der ausverkauften Galeria Classica gab es dafür am Freitagabend viel Applaus, aber auch Kopfschütteln

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Ma (Saskia Träger) ist stolz auf ihren Lieblingssohn Tom (Roman Pertl). Sie werden von ihrem Land vertrieben und zu Flüchtlingen.

Quelle: Jan Bosch

Marburg. Familie Joad hockt in einem trostlosen Bretterverschlag, den Ausstatter Jan Müller auf die Bühne hat zimmern lassen. „Welcome home“ prangt auf einem Schild über der Hütte, „Willkommen“ steht auf zwei Bildschirmen in den Ecken. Doch willkommen sind die Joads nicht. Nirgends, wie sich in den nächsten drei Stunden Spielzeit zeigen wird.

Die Situation der Familie ist trostlos. Sie werden vertrieben von ihrem Land. Von Banken und Großgrundbesitzern. Nachbar Muley will irgendeinen umbringen. Aber wen denn? Es sind die Banken, die sie vertreiben. Das große Geld sitzt irgendwo, es hat keinen Namen, kein Gesicht. „Du kommst gegen die nicht an, die jagen dich wie einen Hund“, sagt Ma, die die Familie irgendwie zusammenhalten will: „Sie ist das Einzige, was wir haben.“ Die Joads lassen alles zurück und brechen auf nach Westen, in ein Land, das neue Hoffnung verspricht.

John Steinbecks „Früchte des Zorns“ ist eines der großen Epen der US-Literaturgeschichte. Kaum war 1939 der sozialkritische Roman des späteren Literaturnobelpreisträgers erschienen, der die Vertreibung abertausender US-Farmer in der Zeit der Großen Depression in den 1930er Jahren thematisiert, wurde Steinbeck massiv angegriffen.

Regisseur Markus Heinzelmann hat sich in seiner ersten Regiearbeit am Landestheater für die preisgekrönte Theater­fassung des US-Amerikaners Frank Galati aus dem Jahr 1990 entschieden. Schon die ist wuchtig genug. Heinzelmann aber will mehr: Seine „Früchte des Zorns“ sind ein zorniges Theatererlebnis. Wütend und traurig, beklemmend und grotesk, eine bisweilen bizarre und albtraumhafte Collage mit bitterem Witz. Eingebettet in das tragische Flüchtlings-Epos aus Zeiten der Weltwirtschaftskrise hat er Versatzstücke aus den aktuellen Flüchtlings- und Finanzkrisen.

Nachrichten und Zitate werden eingespielt - von den Terroranschlägen von Paris bis zur „schonungslosen Aufklärung“, die EX-VW-Chef Martin Winterkorn in der Dieselaffäre verspricht, während ein Elchkopf an der Wand die Wirtschaft erklärt: „Die Bank, das Ungeheuer, muss die ganze Zeit Profit machen, sonst stirbt es.“ Eine verschleierte Muslima platzt herein, stellt eine Tasche ab. Ein Terroranschlag? Jesus tritt zu Rap-Musik auf, die NSU-Morde werden angedeutet, eine (polnische?) christliche Fundamentalistin spricht über Sünde. Ex-Kanzler Helmut Schmidt wird rauchend hereingerollt und gibt sich hustend „Atemlos“. Weniger wäre da vielleicht mehr gewesen. Es sind kleine Splitter im Herzen der Zuschauer und der Familie Joad, die von kleinen Farmern zu Vertriebenen, von Vertriebenen zu Landstreichern, von Landstreichern zu „arbeitsscheuem Gesindel“ gemacht wird.

Nicht alle Joads erreichen das gelobte Land, das sich als Lüge entpuppt. Empfangen werden sie von einer Grenzerin im Hippie-Batik-Kleid, die sie über Gepflogenheiten wie Kehrwoche, Mülltrennung und „keine Belästigungen“ aufklärt, während die Bombeneinschläge näher kommen. Menschenwürdige Arbeit aber gibt es nicht, nur brutalste Ausbeutung.

Der Versuch, das Flüchtlingsepos aus den 30er Jahren in die globalisierte Gegenwart zu übertragen, geht in weiten Teilen auf. Das liegt auch an dem Ensemble, das sich spielfreudig in diese grell-düstere Version stürzt. Roman Pertl gibt Tom gekonnt als besonnenen jungen Mann, der seine Wut am Ende nicht mehr zügeln kann. Saskia Traeger ist als Ma das ungemein präsente moralische Zentrum der zerfallenden Familie, Karlheinz Schmitt gibt Pa als Mann, der zunehmend verzweifelt. Stefan Piskorz hat großartige Szenen als Prediger, der am Ende als Streikführer erschlagen wird, und Viktoria Schmidt ist die Schwester Rose mit den kleinen Träumen und dem großen Herzen. Thomas Streibig hat als Grandpa und später Grandma zu wenig Raum für sein großes schauspielerisches Können. Und Julia Glasewald, Artur Molin und Lisa-Marie Gerl haben richtig Stress: Sie schlüpfen gekonnt in Windeseile in ständig neue Rollen, wobei Gerl mitreißende Momente als Drauf­gänger Al und Autist Noah hat.

  • Weitere Aufführungen sind morgen und Mittwoch sowie am 4., 13. und 21. Februar, jeweils ab 19.30 Uhr. Karten gibt es unter www.theater-marburg.de

von Uwe Badouin

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