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Ein wehmütiger Blick zurück

Rafik Schami stellte Roman vor Ein wehmütiger Blick zurück

Mehr als 500 Menschen kamen am Montagabend in die Pfarrkirche, um den deutsch-syrischen Autor Rafik Schami zu hören. Der stellte seinen neuen Roman vor.

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Der deutsch-syrisch Autor Rafik Schami las in der Pfarrkirche.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. Rafik Schami, 1946 in Damaskus als Sohn einer christlich-aramäischen Familie geboren, hat in Deutschland und 
besonders in Marburg unglaublich viele Fans. Sie lieben den Geschichtenerzähler aus dem arabisch geprägten Kulturkreis.

Schami ist seit vielen Jahren einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren. „Wir sind am Ende regelrecht überrannt worden“, freut sich Barbara Amend von der Buchhandlung Elwert/Lehmanns über den 
großen Zuspruch.

Auch Schami zeigt sich gerührt über das große Interesse an ihm und seinem neuen Roman 
„Sophia oder Der Anfang aller Geschichten“, der längst den Sprung in die Spiegel-Bestsellerliste geschafft hat. Lange vor der Lesung signiert er am Eingang der Kirche Buch um Buch. Vor allem Frauen stehen geduldig an, der Büchertisch ist fast komplett geräumt. „Ohne Frauen wäre die Literatur tot“, sagt Schami lächelnd.

Attentate sind für ihn ein „barbarischer Akt“

Drei Tage nach den verheerenden Terroranschlägen in Paris mit mehr als 120 Toten und mehr als 250 verletzten Menschen ist der Autor, der 1970 aus Syrien floh, ein vielgefragter 
Interviewpartner. „Ich gebe täglich zwei Interviews, ich bin müde“, sagt er im Gespräch mit der OP. Müde, zu erklären, was man nicht erklären kann.

Die Attentate sind für ihn ein „barbarischer Akt, wie für jeden zivilisierten Menschen“, ausgeführt von „IS-Idioten“. Selbst Rafik Schami, der die Beziehungsgeflechte seiner 
alten Heimat kennt, hat inzwischen fast den Überblick darüber verloren, wer gegen wen kämpft. Er weiß nur um das unsägliche Leid, die Verwüstung eines Landes mit einst wunderschönen Städten wie Homs, Aleppo oder Damaskus.

Eine Gedenkminute für die 
Opfer möchte er nicht. „Das passt nicht, das wirkt aufgesetzt“, sagt er kurz bevor er die kleine Bühne vor dem Altar betritt. Dort am Mikrofon wendet er sich an das Publikum: „Ich bin in tiefer Trauer über die Opfer der Barbaren und in tiefer Trauer über die vielen tausend Toten in Syrien.“

Erzählung, statt Lesung

Wer von ihm an diesem Abend eine politische Analyse des Terrors in Syrien erwartet, der wird vielleicht enttäuscht. „Aber ich hoffe, dass ich mit dem Buch etwas über die Hintergründe erklären kann.“ Er ist eben kein Politiker, sondern ein Schriftsteller.

Rafik 
Schami liest nicht, er erzählt sein Buch – gestenreich mit Ausflügen in die Zukunft, die Vergangenheit, die Gegenwart, mit 
Exkursen in die politischen und gesellschaftlichen Systeme Syriens und Arabiens. Und damit ist er ganz nah an der Tradition 
der arabischen Geschichtenerzähler, an „1001 Nacht“.

In „Sophia oder Der Anfang aller Geschichten“ spannt Schami einen großen historischen Bogen – von den 1950er-Jahren bis in die Zeit unmittelbar vor dem kurzen „Arabischen Frühling“ und Ausbruch der Rebellion gegen das Assad-Regime.

Spannende Exkurse mit Ironie

Schami verknüpft einmal mehr all die Themen, die ihn seit Jahrzehnten literarisch bewegen: Migra­tion, Exil, das orientalische 
Lebensgefühl und die Liebe als treibende Kraft. Der Roman verbindet Drama, zwei wunderschöne Liebesgeschichten mit einem Spionagethriller und der Sehnsucht nach dem alten Orient der Kaffeehäuser und bunten, schillernden Märkte. Es ist ein oft wehmütiger Blick zurück.

Spannend sind seine Exkurse, die er mit viel Ironie präsentiert und die zugleich viel über das Leben im arabischen Kulturkreis verraten: Das System der streng hierarchisch aufgebauten Sippen, denen die unbedingte Loyalität der Mitglieder gehört, in denen Opposition als Verrat gilt. Die weit verbreitete Korruption: „Unsere Beamten lieben das Land so sehr, dass sie nur Dollar nehmen.“ Die Macht der Geheimdienste, die nur 
einen Zweck haben: den Präsidenten zu schützen.

Und nebenbei erklärt Schami, warum es keinen arabischen Krimi gibt: Kein Leser würde glauben, dass ein Polizist tatsächlich einen potenziellen Straftäter aus der Oberschicht auch nur befragen würde.
Am Ende hat der Bestsellerautor noch zwei persönliche Anliegen: Er wirbt für den Verein Schams ( www.schams.org), der in dem vom Krieg zerrissenen Syrien Kinder und Jugendliche unterstützt. Und für seine 
Buchreihe Swallow Editions, die arabische Autorinnen und 
Autoren fördert.

  • Rafik Schami: „Sophia oder Der Anfang 
aller Geschichten“, Hanser-Verlag, 476 Seiten, 24,90 Euro.

von Uwe Badouin

Mehr als 500 Besucher kamen in die Pfarrkirche, um den Bestsellerautor Rafik Schami zu hören. Foto: Uwe Badouin
 
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