Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Ein provokanter Paradiesvogel

Kay Ray Ein provokanter Paradiesvogel

"Wem das schon zu viel ist, der wird den heutigen Abend nicht überstehen!", sagt Kay Ray mit einem verwegenen Schmunzeln. Erst fünf Minuten auf der Bühne und schon sieht das Publikum nackte Tatsachen.

Voriger Artikel
Lieder zum Schwelgen
Nächster Artikel
Donnergott lässt wieder den Hammer sausen

Kabarettist und Paradiesvogel: Kay Ray sorgte in der Waggonhalle für wilde Unterhaltung.Foto: Andreas Elsner

Marburg. Politisch inkorrekt, vulgär, galant, nonchalant, frei wie ein Vogel. Kay Ray lässt sich, wie er selbst sagt, keine Ketten anlegen. Diesem Credo trug der Entertainer am Samstagabend in der Marburger Waggonhalle Rechnung, indem er seinen Zuschauern ein wildes Potpourri an Unterhaltung bot, das alles war, jedoch nicht berechenbar.

Mit zum Himmel stehender Haarpracht, als hätte er kurz vor dem Auftritt in eine Steckdose gepackt, und schrillem Kostüm, das selbst David Bowie und Barry Manilow hätte erblassen lassen, kommt der Entertainer auf die Bühne und verliert keine Zeit, seine beeindruckende Stimme unter Beweis zu stellen, die der Hamburger in Zusammenarbeit mit einer Opernsängerin aus der Hansestadt ständig zu verfeinern sucht.

Der Träger des Prix Pantheon 2006 singt Songs aus allen Musikrichtungen, dichtet und springt mit Hochgeschwindigkeit zwischen völlig verbindungslosen Themen hin und her, wobei er über Ökovibratoren, Rentner in hautengen Badehosen und schwule Geistliche sinniert.

Der Paradiesvogel nimmt seine Zuschauer mit auf einen Flug ins Ungewisse: Man weiß nie was als nächstes kommt. Wo andere Künstler abbremsen und Halt machen, beschleunigt der Hamburger in die Tabuzone. Doch schafft Kay Ray es, sich immer wieder galant aus der Affäre zu ziehen, was nicht zuletzt an seinem Improvisationstalent und seinen Gesangseinlagen liegt, die zumeist einfühlsam und integraler Teil der Darbietung sind.

Wer bei Kay Ray im Publikum sitzt und glaubt, sich den ganzen Abend aufs Applaudieren und Lachen beschränken zu können, der hat sich eindeutig in den falschen Vogelkäfig gewagt. Ob Handys, Brillen oder den Schoß eines Zuschauers, Ray scheint quasi alles aus dem Publikum in seine Show integrieren zu können. „Ich habe einfach Spaß mit den Zuschauern und tobe mich auf der Bühne so richtig aus. Meine Stärke ist, die Atmosphäre aus dem Publikum aufzunehmen und daraus etwas formen“, sagt er.

Geformt wurde dann auch auf der Bühne. Zwei Zuschauern verpasste der ausgebildete Friseurmeister kurzerhand neue Frisuren, bei denen er sich, wie erwartet, nach Lust und Laune austobte.

Ungeniert präsentierte Kay Ray nackte Tatsachen und machte das Publikum mit seinem ganzen Körper vertraut. Für Kay Ray ist es die drastischste Handlung an praktizierter Freiheit. So macht Kay Ray die Bühne während seiner Show zum moralfreien Raum, zur radikalen Zone ohne Tabus. Denn wie der gebürtige Osnabrücker zu Beginn der Show sagt: „Moral ist Mangel an Gelegenheit. Begegnen wir dem Leben mit mehr Humor. Haben Sie Spaß im Leben!“

Ob die 200 Zuschauer diesen Vorschlag umsetzen, bleibt unbeantwortet. Nicht offen blieb die Frage, ob die Darbietung dem Publikum gefallen hat, denn Kay Ray legte noch eine dreiviertel Stunde lang Zugaben nach, was die Show zu einer vierstündigen Achterbahnfahrt werden ließ.

Zweifelsohne, Kay Ray polarisiert. Für manche Leute zu provokant, für manche durchgeknallt, für manche genau das Richtige. Aber eines ist sicher: Die Mundwinkel des Publikums werden gefordert und strapaziert. Kay Ray sieht sich selbst als Entertainer. Und der exzentrische Paradiesvogel versteht sein Handwerk allemal.

von Benjamin Kaiser

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr