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Ein mächtiger Tunnel und alte Bäume

Zora del Buono bei „Literatur um 11“ Ein mächtiger Tunnel und alte Bäume

Der Gotthard-Tunnel, das Leben der Mächtigen, eine Schweizer Autorin aus Berlin und ihr Hund auf seiner ersten Lesung – diese Mischung ergibt einen perfekten Sonntag Vormittag.

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Zora del Buono las im Café Vetter.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Es wäre Zora del Buono zu gönnen gewesen, dass sehr viel mehr Gäste ins Café Vetter kommen als die zwanzig, die da waren. Und es wäre viel mehr Gästen zu gönnen gewesen, Zora del Buono kennenzulernen. Die Schweizer Autorin, die eigentlich Redakteurin ist, die eigentlich Architektin ist, stellte ihre Novelle „Gotthard“ vor, die sechs fiktive Stunden und 23 Minuten auf der Baustelle des Gotthard-Basistunnels erzählt. Weil mit einer Lesung schon ein Drittel der kompletten Handlung vorbei wäre, hatte del Buono ein weiteres Buch mitgebracht: „Das Leben der Mächtigen“.

Dabei handelt es sich nicht etwa um Politiker oder Großindustrielle, sondern – Bäume. Die Autorin ist zu 14 der ältesten Bäume der Welt gereist und stellt sie als eigenständige Charaktere vor, Portraitfoto (aufgenommen mit einer alten Rollei im Quadrat-Format) inklusive. Zora del Buono stellte den Marburgern „Old Tjikko“ vor, eine Fichte in Schweden, benannt nach dem Hund der beiden Entdecker, über 9000 Jahre alt und damit der älteste individuelle Baum der Welt. Einen Hund hatte die Autorin ebenfalls mitgebracht – gerade einmal zehn Tage hat sie ihn. „Ich weiß nicht, wie er sich benimmt“, scherzte sie, „es ist seine allererste Lesung“.

Geschichten eines Tunnelarbeiters dienen als Inspiration

Mika – benannt nach seinem Fundort San Michele – benahm sich bestens, schloss nach der Lesung Freundschaft mit allen Gästen, die noch auf einen Plausch mit Zora del Buono blieben und die freute sich über das Interesse der Gäste an ihren Büchern und ihrer Arbeit. Die erste Auflage von „Die Mächtigen der Welt“ war pünktlich zum Weihnachtsgeschäft ausverkauft. Und für „Gotthard“ erhielt sie im vergangenen Jahr fantastische Kritiken. Verschiedene Biographien begegnen sich im Tunnel und jede Figur ist ein Schlaglicht ins Universum dieses Tunnels hinein.

Die Idee zu diesem Buch lieferte ein Mann, der tatsächlich Tunnelarbeiter ist. Nachdem alle Anwesenden nach einer Lesung von Zora del Buono seinen Geschichten gebannt lauschten, reiste die Autorin an die Baustelle. Vier Tage blieb sie – sonst wäre keine Novelle, sondern eine Sozialreportage aus dem Projekt geworden, sagt sie.

Nachdem die 53-Jährige als Architektin und Bauleiterin gearbeitet hatte, war sie 1997 Mitbegründerin der Zeitschrift „mare“. Der aufmerksame Blick der Reporterin ist auch in ihrer Prosa gegenwärtig. Und jedes Wort macht Lust auf mehr.

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