Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Ein großes Stück für die große Bühne

Premiere von "Romeo und Julia" Ein großes Stück für die große Bühne

Die Tragödie ist die erste Neuinszenierung des Hessischen Landestheaters für das runderneuerte Erwin-Piscator-Haus. Nach drei Stunden Spielzeit im ausverkauften Haus gab es viel Applaus, teilweise Standing Ovations.

Voriger Artikel
„Der Naturmalerei seiner Zeit voraus“
Nächster Artikel
Schnelle Linien entfalten große Kraft

Julia (Lisa-Marie Gerl) erwacht und sieht ihren Geliebten, Romeo (Roman Pertl), der sich umgebracht hat, weil er Julia tot glaubte. Auch sie geht in den Tod.

Quelle: Killa Schuetze

Marburg. Viele Stücke verschwinden schon nach kurzer Zeit von den Bühnen, werden schnell vergessen. Bei William Shakespeare ist das anders. Seine Dramen, Tragödien und Komödien werden auch nach 400 Jahren gespielt, weil sie im besten Sinne zeitlos und seine Stücke zudem unglaublich offen sind. Regisseure können vieles mit ihnen machen.

Matthias Faltz, Intendant des Hessischen Landestheaters, nutzt dies in seiner bildgewaltigen Inszenierung der berühmtesten Liebestragödie der Literaturgeschichte weidlich aus. Er streicht den Fürsten und Romeos Eltern und gewinnt neue Freiheiten. Aus dem erbitterten Hass zweier reicher Familien im Verona der Renaissance macht er zumindest optisch eine Auseinandersetzung zwischen Oben und Unten, die in irgendeiner heutigen Stadt spielen könnte: Ausstatterin Annie Lenk steckt die Capulets in feinen Zwirn – mit ihrer Abendgarderobe könnten sie beim Wiener Opernball reüssieren.

Die Montagues – Romeo, Mercutio und Benvolio – erinnern in ihren Jeans, T-Shirts und mit ihren Tattoos an eine Jugendgang. Als Partycrasher fallen sie gleich zu Beginn mit Horrorclown-Masken saufend über ein Fest der Capulets her. Bis Romeo (Roman Pertl) Julia (Lisa-Marie Gerl) erblickt. Die Liebe trifft sie wie ein Blitz. Und jeder weiß: Die beiden werden am Ende für ihre Liebe in den Tod gehen.

Bühnennebel und Lichtregie sorgen für starke Bilder

Dazwischen liegen rund 160 Minuten mit rasanten Fechtszenen, Kämpfen auf Leben und Tod, derben Zoten, sexuellen Anspielungen und berührenden Liebesschwüren auf der fast leeren, bis zur Rückwand offenen, riesigen Bühne. Drei Türme hat Bühnenbildner (Harm Naajer) entworfen. Rostig und wuchtig wirken sie. Bewegt werden sie von den Darstellern. Sie verwandeln sie sich in Julias Balkon, in Romeos Exil in Mantua, die Gruft der Capulets oder in die Kapelle von Pater Lorenzo (Stefan Piskorz), der mit seinen Rastalocken und seinem dunklen Kostüm auch gut auf eine Rockbühne passen würde. Auch einen Pool gibt es – ein Symbol für den Reichtum der Capulets und gleichzeitig Ort für mörderische Auseinandersetzungen. Und weil das Regisseur Faltz nicht reicht, wird auch der Saal bespielt. Bühnennebel und eine ausgefeilte Lichtregie von Paul Faltz sorgen für starke Bilder.

Zentraler Bestandteil der Inszenierung ist auch die von Michael Lohmann für Klavier (Stefan Piskorz und Artur Molin), Gitarre (Lohmann), Cello (Tatiana Gracheva) und Schlagzeug (Sven Demandt) komponierte Musik. Leider singen die Darsteller Shakespeare-Texte in dem alten Englisch des elisabethanischen Zeitalters, das kaum ein Zuschauer versteht. So transportieren die Songs, ähnlich wie das Licht, Stimmungen – mal hell und freundlich, mal düster und beklemmend.

„Romeo und Julia“ ist ein ungewöhnliches Stück. Über weite Strecken ist die Tragödie dank der frech daherplappernden, aber letztlich verräterischen Amme (Franziska Knetsch) und des zynisch-witzigen Mercutio (Ogün Derendeli) fast eine Komödie mit einem herrischen Patriarchen Capulet (Daniel Sempf), der seine Tochter gegen ihren Willen mit dem ebenfalls reichen Paris (Niklas Hugendick) verheiraten will, seiner rachsüchtigen, eitlen Frau (Julia Glasewald), dem düsteren Tybalt (Artur Molin) und dem netten Benvolio (Thomas Huth).

Schön traurig

Shakespeare musste den dominierenden Mercutio loswerden, damit aus „Romeo und Julia“ nicht eine rasante Komödie, sondern eine zutiefst traurige Tragödie werden konnte. Seine Lösung: Tybalt ermordet Mercutio und stirbt selbst durch die Hand Romeos.

Es ist die Geburt der Tragödie. Diesen Bruch macht Faltz überdeutlich: Im Lichtkonzept verschwindet nach den Morden die Farbe von der Bühne. Selbst die Liebesnacht von Romeo und Julia – Faltz schickt Lisa-Marie Gerl und Roman Pertl nackt auf die Bühne (es bleibt aber züchtig) – und die berühmte Abschiedsszene tragen schon Züge der Trauer.

Roman Pertl spielt Romeo intensiv als wütenden und zugleich verletzlichen jungen Mann. Lisa-Marie Gerl ist zwar nicht das 14-jährige Mädchen und doch gelingt es ihr eindringlich, die Unschuld Julias, ihre Verzweiflung und ihre bedingungslose Liebe zu vermitteln. „Schön traurig“ wollte Faltz „Romeo und Julia“ haben. Schön traurig ist seine Inszenierung geworden. Die Darsteller tragen Microports. Im ersten Teil klagten viele Besucher über Verständnisschwierigkeiten. Das technische Problem war im zweiten Teil behoben

  • Weitere Aufführungen sind am 8., 11. und 30. März, am 25. April, 5. und 13. Mai.

von Uwe Badouin

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr