Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 2 ° Regen

Navigation:
Ein ganz großer Geschichtenerzähler

OP-Buchtipp: Erinnerung an Siegfried Lenz: „Gespräche unter Freunden“ Ein ganz großer Geschichtenerzähler

Siegfried Lenz, im vergangenen Jahr gestorben, zählte zu den größten deutschen Autoren der Gegenwart. Dabei wollte er nur eines: Geschichten erzählen.

Voriger Artikel
Dracula und Mr. Hyde sorgen für sanften Grusel
Nächster Artikel
Kino, Sex und eine Epidemie

Das Foto zeigt den Schriftsteller Siegfried Lenz am 15. September 2009 in Hamburg während eines Interviews. Lenz starb im vergangenen Jahr im Alter von 88 Jahren.

Quelle: Maurizio Gambarini

Kann ein erfolgreiches Buch zugleich ein gutes Buch sein? Der Kritiker ist skeptisch. „Finden Sie nicht, dass dieser Erfolg etwas beängstigend ist?“, fragt er. Und der Autor antwortet mit feiner Ironie: „Ich weiß, eigentlich müsste man sich fragen: Was hast du falsch gemacht, dass ausgerechnet dir dieser Erfolg passieren musste?“

Das war 1969, der Kritiker war kein anderer als Marcel Reich-Ranicki, und ihm gegenüber saß Siegfried Lenz, dessen Roman „Deutschstunde“ um Gehorsam und vermeintliche Pflichterfüllung unter den Nazis seit Monaten in Deutschland an der Spitze der Bestsellerlisten stand.

Am 7. Oktober 2014 ist Lenz, einer der großen deutschen Autoren der Gegenwart, mit 88 Jahren gestorben. Zur Erinnerung an ihn hat der Verlag Hoffmann und Campe den Band „Gespräche unter Freunden“ herausgebracht. Er versammelt Gespräche aus fünf Jahrzehnten mit Schriftstellerkollegen wie Günter Grass, Walter Kempowski oder Heinrich Böll, mit Kritikern wie „MRR“, Fritz J. Raddatz oder Ulrich Greiner und mit Freunden wie Helmut und Loki Schmidt.

Lenz zeigt sich als charmanter, geistreicher Gesprächspartner, immer höflich, zugleich aber zurückhaltend und distanziert. Und er legt eine hohe Selbstreflexion an den Tag – etwa in dem langen Interview mit Manfred Durzak 1976, in dem er Auskunft über sich als Autor gibt. „Ich empfinde mich einfach nur als Geschichtenerzähler“, ist dieses Gespräch überschrieben.

Denn so verstand sich Lenz vor allem: Als einer, der eine Geschichte erzählen will. „Insofern lasse ich mir diesen Hut aufsetzen, ein traditioneller Erzähler zu sein, weil ich wirklich nicht weiß, welche problematischen Klimmzüge man machen muss, um auf der Höhe der Zeit zu schreiben“, äußert er.

Aber ganz ohne didaktische Absichten war Lenz, der ursprünglich Lehrer werden wollte, dann doch nicht: Denn allem Schreiben wohne schließlich „eine mehr oder weniger verschlüsselte pädagogische Absicht inne“, sagt er an anderer Stelle.

Als kluger Frager erweist sich Lenz schließlich in den Gesprächen „Über Phantasie“, die er zwischen 1980 und 1982 mit seinen Autoren-Kollegen Pavel Kohout, Günter Grass, Walter Kempowski und Heinrich Böll führte. Lenz hat mit seinen in drei Dutzend Sprachen übersetzten Werken viel zum Bild der Deutschen im Ausland beigetragen. Sich selbst nahm er aber nie so wichtig.

Im Gespräch mit Loki Schmidt, mit der ihn eine jahrzehntelange Freundschaft verband, resümiert er, was für ihn zu einem gelingenden Leben zähle: „Ein paar gute Sätze, die ich geschrieben habe und die ich – sicher kühn, freilich – bereit bin, auch zu wiederholen. Bei Gelegenheit. Das ist nicht mehr.“

  • Siegfried Lenz: „Gespräche unter Freunden, ausgewählt und mit einem Nachwort von Daniel Kampa“, Verlag Hoffmann und Campe, 512 Seiten, 24 Euro

von Stephan Maurer

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr