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Ein furioser Freitag am Freitagabend

Kabarett Ein furioser Freitag am Freitagabend

Thomas Freitag kann mittlerweile auf eine lange Karriere zurückblicken. 1976 stand er zum ersten Mal auf der Bühne. Da bietet sich doch eigentlich ein "Best-of"-Programm an.

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Thomas Freitag benötigt keine coolen Effekte auf der Bühne. Was aus seinem Mund kommt, reicht aus für einen ganzen Abend bester Unterhaltung.

Quelle: Benjamin Kaiser

Marburg. Genau das dachte sich Thomas Freitag auch und bietet dem Publikum mit „Nur das Beste“ ein deftiges Menü für die Lachmuskeln, mit Kapitalismus-Kritik gespickt, mit Angst vor dem Alter garniert und mit Stimmenimitationen abgeschmeckt. Die Zuschauer im restlos ausverkauften KFZ am Freitag waren begeistert.

Die gezielten Hiebe mit der Verbal-Keule gegen den Kapitalismus dürfen im politischen Kabarett natürlich nicht fehlen, und Freitag ist treffsicher. Überhaupt war ja früher alles anders. So erzählt Freitag in gekünstelter Nostalgie schwelgend von seiner Zeit als Angestellter einer Bank: „Damals war es noch anders herum. Da standen die Gangster mit Skimaske auf der anderen Seite vom Schalter.“

Aber warum jetzt noch aufregen? Er sei ja 65 Jahre alt und könne als Rentner bald all die Dinge tun, für die sonst nie Zeit war. Doch Freitag muss letztlich feststellen, dass es doch nicht allzu viel zu tun gibt. Um der Ödnis der Untätigkeit zu entfliehen, baut er im Garten ein Vogelhäuschen nach dem anderen. Bis die Vögel ihm einen Brief schreiben: „Hör auf mit der Scheiße! Es reicht, wir sind satt.“ Was nun? Kreuzworträtsel? Rentner-Yoga? Letztlich begibt sich der Gelangweilte auf den „Arbeitsstrich“, um sich dort „schwarz“ zu verdingen und der Rente den Mittelfinger zu zeigen. Endlich habe das Leben wieder einen Sinn.

Wehner, Brandt und Strauß in einer Altersheim-WG

Doch das Highlight sind die Stimmenimitationen: Das Alter mache ihm zu schaffen, so Freitag. Deshalb stelle er sich manchmal vor, wie Herbert Wehner, Willy Brandt und Franz Josef Strauß wohl auf einem Zimmer im Altersheim zurande gekommen wären. Drei der talentiertesten Rhetoriker, die die politische Bühne des Bundestages je gesehen hat, zusammen auf wenigen Quadratmetern, noch dazu drei Alpha-Männchen. Dicke sowie heiße Luft ist vorprogrammiert.

Dabei kriegen sich Brandt und Wehner quasi dauernd in die Wolle, wer von den beiden denn nun, wie, wo und wann schalten und walten dürfe, wie es beliebt. Strauß zwischen den Fronten als Vermittler zwischen den beiden Sozialdemokraten und um es vorsichtig auszudrücken: Strauß war nie ein Kind von Traurigkeit, wenn es um Polemik ging. Somit sieht er mit Freude, wie sich Wehner und Brandt gegenseitig drangsalieren.

Marcel Reich-Ranicki zum Finale

Weniger Freude hat da Friedrich Schiller. Denn er muss bei der Neuauflage von „Die Räuber“ dubiose Verbesserungsvorschläge hinnehmen. So fragt ihn der Verleger: „Könnte Franz Moor nicht auch eine Frau sein? Die meisten Leser sind Frauen. Könnte Franziska Moor nicht auch eine Geschlechtskrankheit haben? Die Leser lieben es, wenn unten herum etwas nicht stimmt.“ Zumal Schiller eine neue Figur „mit nerviger Fistelstimme“ zur TV-Umsetzung mit Til Schweiger einbauen müsse.

Und dann setzt Freitag im furiosen Finale zum ganz großen Wurf an. Denn eine seiner Paraderollen kam bisher überhaupt nicht zu Wort - Marcel Reich-Ranicki. In aller posthumer Bescheidenheit und mit viel Körpereinsatz zerpflückt der Literaturkritik-Mogul einen Satz aus seiner Lieblingsbüchersammlung „gesungene Grammatik“. Einige Zuschauer wischen sich die Tränen aus dem Gesicht. Jeder Action-Lesung hätte Freitag locker und lässig das Wasser reichen können.

von Benjamin Kaiser

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