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Ein berauschendes Gesamtkunstwerk


„Penelope wartet“ am Stadttheater Gießen Ein berauschendes Gesamtkunstwerk

Minutenlang gibt es stehende Ovationen für 
„Penelope wartet“, das Homers „Odyssee“ maßvoll modernisiert und mit Fug und Recht als bisheriger Höhepunkt der Spielzeit bezeichnet werden kann.

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Umringt von antiken Skulpturen, die durch Licht- und Videoeinsatz atmosphärisch eingefärbt sind, entfaltet Ballettdirektor Tarek 
Assam in „Penelope wartet“ die Gefühlswelt der Protagonisten durch eine temperamentvolle Bewegungssprache.

Quelle: Rolf K. Wegst

Gießen. Gerade ist der letzte Vorhang am Gießener Stadttheater zu Tarek Assams neuem Tanzstück gefallen, als ein Beifall losbricht, wie man ihn im Großen Haus höchst selten erlebt. Denn Assam und der Tanzcompagnie gelingt mit diesem berauschenden Gesamtkunstwerk geradezu famos, einen neuen und höchst atmosphärischen Zugang zu der antiken Geschichte zu schaffen.

Zu diesem Zweck fokussiert der Ballettdirektor nicht auf die Irrfahrten des Odysseus. Ins Zentrum seiner Choreografie rückt vielmehr Gattin Penelope, die sehnsüchtig auf die Heimkehr des Kriegers wartet und zunehmend von Freiern bedrängt wird, die das Erbe des Königs von Ithaka antreten wollen. Auf diesen emotionalen Belagerungszustand und die Psyche seiner Heldin spitzt der Ballettdirektor zu, um die Gefühlswelt der Protagonisten in einer temperamentvollen Bewegungssprache zu entfalten.

Anlehnung an antike Vorbilder

Ihren individuellen und damit modernen tänzerischen Ansatz spickt der Direktor der Gießener Tanzcompagnie mit Zitaten, die auf Herkunft und Geschichte seines Stoffes verweisen. So finden sich etwa Sirtaki-Passagen oder Anklänge ans klassische Bewegungsrepertoire. Kurz, eine wirklich intelligente und maßvolle Modernisierung der „Odyssee“, die auf der Gießener Bühne von der ersten Minute an durch ein bemerkenswertes Maß an Atmosphäre und Tiefe besticht.

Den modern-historisierenden Ansatz greift das gelungene Bühnenbild von Fred Pommerehn auf, das sich mit seiner Terrassenkonstruktion im Bühnenhintergrund an antike Vorbilder anlehnt. Gleichzeitig bricht Pommerehn diesen geschichtlichen Ansatz jedoch auf, indem die schiere Masse von antiken Skulpturen auf der Bühne die Historizität im postmodernen Sinne konterkariert.

Das Bühnenbild, das durch geschickten Licht- und Videoeinsatz atmosphärisch getönt wird, setzt Grundgedanken des Choreografen gekonnt um. Das tun auch die Kostüme von Gabriele Kortmann, die mal eher antikisierend, dann wieder modern und eher abstrakt daherkommen.

Zusammenarbeit mit renommiertem Komponisten

Getragen wird die Inszenierung von der Musik des Komponisten John Psathas, die der langjährige stellvertretende Generalmusikdirektor Herbert Gietzen arrangiert hat. Das Ergebnis sind dramatische und anspruchsvolle Klänge, die die Handlung dank der exzellenten Leistung des Philharmonischen Orchesters unter der Leitung von Michael Hofstetter illustrieren.

Übrigens ist dem Stadttheater mit der Zusammenarbeit mit Psathas ein echter Coup gelungen, denn der Komponist gehört zu den Größen der Musikwelt und hat unter anderem die Musik für die Olympischen Sommerspiele 2004 in Athen komponiert.

Das alles auf einen Nenner gebracht: Assam und die Seinen haben ein berauschendes Gesamtkunstwerk geschaffen, das sich Freunde des Tanztheaters und solche, die es werden wollen, nicht entgehen lassen sollten.

  • Weitere Aufführungen am 12. und 26. März, 7. und 24. April sowie am 16. Mai um 19.30 Uhr im Großen Haus.

von Stephan Scholz

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