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Ein Virtuose der Erinnerung

Literaturnobelpreis Ein Virtuose der Erinnerung

In Deutschland ist der französische Schriftsteller Patrick Modiano bislang kaum bekannt. Das dürfte sich ändern: Der französische Autor erhält den wichtigsten Literaturpreis der Welt.

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Der französische Schriftsteller Patrick Modiano, das Foto vom März 2010 zeigt ihn an seinem Schreibtisch in Paris, erhält den Literaturnobelpreis 2014. Foto: Federic Dugit

Quelle: Frederic Dugit

Stockholm. Der diesjährige Literaturnobelpreis geht an Patrick Modiano und damit bereits zum 15. Mal nach Frankreich. Frankreich führt damit im Literaturnobelpreisranking an - vor Großbritannien (11), den USA (11), Deutschland und Schweden mit je 8 Preisträgern.

Der 69-Jährige beherrsche die Kunst der Erinnerung und rufe mit seiner Sprache unbegreifliche menschliche Schicksale wach, teilte die Schwedische Akademie gestern in Stockholm mit. Die Ehrung des in Deutschland wenig gelesenen Autoren stieß bei vielen Experten auf positives Echo. Der bei Paris geborene Autor ist der 111. Träger der wichtigsten Literaturauszeichnung der Welt.

Als Entdecker Modianos für den deutschsprachigen Raum gilt seit den 80er Jahren der selbst oft als Kandidat für den Nobelpreis gehandelte Österreicher Peter Handke. Er übersetzte etwa dessen Romane „Die kleine Bijou“ und „Eine Jugend“.

Wenig überrascht von der Wahl zeigte sich der aktuelle deutsche Verleger: Modiano sei schon länger ein heißer Kandidat gewesen, sagte Hanser-Verleger Jo Lendle. Er kündigte an, dass der neue Roman „Gräser der Nacht“ bereits in einigen Tagen, früher als geplant, in Deutschland erscheinen soll.

Frankreichs Staatspräsident François Hollande würdigte Modianos Werk laut Mitteilung als subtil: „Er führt seine Leser bis in die tiefen Wirren der dunklen Besatzungsperiode.“ Premierminister Manuel Valls bescheinigte dem Schriftsteller einen knappen und treffsicheren Stil. Zuletzt hatte 2008 ein Franzose den Nobelpreis für Literatur bekommen: der heute 74-jährige Jean-Marie Gustave Le Clézio.

Modiano sei „ein Marcel Proust unserer Zeit“, sagte Peter Englund, Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie. Er schreibe „sehr elegante Bücher, aber sie sind nicht schwierig zu lesen“. Der Literat sei ein ausgezeichneter Paris-Kenner und habe ein „großes Werk“ geschaffen. „Er hat insgesamt um die 30 Bücher geschrieben, hauptsächlich Romane, aber auch Kinderbücher, Drehbücher.“

Der ARD-Literaturkritiker Denis Scheck zeigte sich begeistert von der Entscheidung: „Der Preis geht an einen Autor, der in seinem Werk scheinbar Unvereinbares miteinander verbindet, der ein gleichermaßen souveräner Artist und besessener Archivist ist.“

Aber es gab auch kritische Stimmen. „Nicht besonders spannend“, sogar „langweilig“ - das war gestern nach der Bekanntgabe von schwedischen Kritikern zu hören. „Hat man drei Bücher von ihm gelesen, kennt man ihn“, meinte die Literaturwissenschaftlerin Ebba Witt-Brattström. Auch in der internationalen Literaturwelt gab es zum Teil Unverständnis. Für die britische Zeitung „The Guardian“ war es sogar „ein Skandal“, dass der US-amerikanische Romancier Philip Roth nicht bedacht wurde.

Krieg, Liebe, Besatzung: Das sind die Themen, aus denen der Franzose seine Inspirationen schöpft. Egal ob in seinem 2013 auf Deutsch herausgebrachten Buch „Der Horizont“, in „Unfall in der Nacht“ oder „Aus tiefstem Vergessen“, Modiano beschreibt in seinen Werken Erinnerungen an seine unglückliche Kindheit in Paris nach dem Zweiten Weltkrieg. „Ich versuche bei den Menschen und den Dingen die Schicht des Vergessens zu durchstoßen“, sagte er unlängst in einem seiner wenigen Interviews.

Modiano ist medienscheu. Sogar die Nobelpreis-Jury konnte ihn gestern über Stunden nicht erreichen. Auch sein Pariser Verlag Gallimard hatte Schwierigkeiten, ihn zu sprechen: „Der Preis ist eine große Überraschung für uns. Wir hatten Mühe, ihn ans Telefon zu bekommen“, hieß es aus der Pressestelle.

Der Autor wurde am 30. Juli 1945 in Boulogne-Billancourt bei Paris als Sohn eines jüdischen Kaufmanns und einer flämischen Schauspielerin geboren. Beide hatten sich während der deutschen Besatzungszeit kennengelernt. Modiano wuchs zunächst bei den Großeltern auf und verbrachte seine Jugend später im Internat. Der Tod seines zehnjährigen Bruders Rudy war ein Schock für ihn. Viele von Modianos frühen Arbeiten sind dem jüngeren Bruder gewidmet.

Im vergangenen Jahr hatte die Kanadierin Alice Munro den Literaturnobelpreis erhalten. Der Literaturnobelpreis wird seit 1901 vergeben. Er ist wie die anderen Nobelpreise mit 8 Millionen schwedischen Kronen (rund 880000 Euro) dotiert.

Verliehen werden die Nobelpreise traditionell am 10. Dezember, dem Todestag des schwedischen Preisstifters und Industriellen Alfred Nobel (1833-1896).

von unserer Agentur

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