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Ein Solo für multiple Persönlichkeiten

Christine Prayon im KFZ Ein Solo für multiple Persönlichkeiten

Wer kennt sie nicht? Die scharfzüngige Burgschauspielerin Birte Schneider aus der satirischen ZDF-„Heute-Show“. Doch hinter der Kollegin von Anchorman Oliver Welke steckt mehr als nur eine Rolle.

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Mit schrägem Humor begeisterte die Diplom-Animatöse Christine Prayon ihr Publikum im KFZ.

Quelle: Arnd Hartmann

Marburg. „Ich habe heute in meinem Horoskop gelesen, dass es eine heiße Nacht werden wird. Deshalb habe ich die Klimaanlage schon mal angelassen“, eröffnet Diplom-Schauspielerin Christine Prayon den Kabarett-Abend im KFZ. Sie zeigt sich als Frau mit vielen Fähigkeiten, die zupacken kann: Moderation, Vorband, Hauptact und Nachband – alles vereint in einer Person. „Spielchen sind aber nicht nötig, das ist schließlich ein Soloabend“, sagt sie und musiziert stilvoll auf ihrer Klarinette.

Daraufhin folgen eine kurze Vorstellung ihrer Person und der Verweis auf die diplomierten Schauspielkünste. Doch Leute zu imitieren, das liege nicht in ihrem künstlerischen Repertoire. „Aber ich kann Leute imitieren, die Leute imitieren“, so die Kabarettistin. Auch eigene Wortspiele lässt sie sich seit geraumer Zeit patentieren; Marktlücken zu finden, das sei genau ihr Ding.

Nach Moderation und Vorband kommt dann auch die richtige Künstlerin auf die Bühne, zumindest gehört das von einer Person gespielte Ensemble zum Programm von Prayon. Daher scheint es gar nicht überraschend, dass bei so viel Wirbel die unterdrückte Schizophrenie der Schauspielerin zu Tage treten muss. Schein und Sein in einer realkapitalistischen Gesellschaft, in der das gnadenlose Rollenspiel zur Überlebensstrategie wird, verkörpert Prayon gekonnt in einer Charakterdiskussion als Szene aus 12 unterschiedlichen Persönlichkeiten von Katze „Muschi“ bis Sozialtherapeutin „Ute“.

Ein Bonbon gegen Hustenanfall

Und weil das Rollenspiel das Publikum nicht nur verwirrt, so Prayons Mutmaßung, gibt es einen Schlag polemischen Wortwitz für den Lokaljournalisten oben drauf. Denn nettes und erfrischendes Frauenkabarett sei ihre Vorstellung wirklich nicht. „Ein roter Faden ist da“, ergänzt die Kabarettistin – doch man musste ihn suchen.

Nach einer kreativen Verschnaufpause, erscheint Prayon im Diva-Outfit als verkleideter Travestie-Künstler und demaskiert sich für das Publikum vollends. Ein kurzer Hustenanfall während der Gesangsdarbietung folgt. „So war mein Leben“, brachte sie noch über die Lippen, ein freundlicher Zuschauer in der ersten Reihe reichte ein Bonbon gegen die Schmerzen.

Der Gnadenstoß folgt sogleich: „Tod durch Pfefferminzbonbon“. Postum erfährt das Publikum vom Dahinscheiden der Schauspielerin Christine Prayon. Bühne frei für eine neue Persönlichkeit. Bitterböse inszeniert die Künstlerin anschließend in einer Carla-Bruni-Parodie, den mit Botox-gespritzten Lachanfall der einstigen französischen First Lady.

Im Anschluss bekommt auch Kollege Mario Barth die Wortgewalt der Prayon zu spüren. „Neue Deutsche Lyrik“ aus dem Originaltext „Das Nussloch“ des Comedians. „Pass auf, pass auf, das ist so geil, echt boah, echt Hammer!“, schallt es von der Bühne, das Publikum donnert mit Applaus zurück. Ihre Titelfigur erlaubt sich einiges, bis zur Demontage mit Ironie und Polemik besetzt, gibt es als Zugabe einen selbstgetexteten Poetry-Slam. Eine Hommage an die Marburger Hochburg der Slam-Kultur.

von Arnd Hartmann

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