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Ein Schrecken, der sich in die Seele frisst

Krimifestival: Zoran Drvenkar Ein Schrecken, der sich in die Seele frisst

Hochspannung bis zum letzten Satz garantiert Zoran Drvenkars Buch „Still“. Von einem „Lesevergnügen“ kann aber nicht die Rede sein. Am 13. September liest er beim Marburger Krimifestival.

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Der Berliner Autor Zoran Drvenkar überschreitet in seinem neuen Thriller die grenzen des Menschlichen. Er liest morgen ab 20 Uhr im Szenario. Foto: Corinna Bernburg

Marburg. Es gibt Bücher, die gehen unter die Haut. Die bohren sich in den Kopf. Die lassen einen nicht schlafen. Die lassen einen grübeln. Zweifeln. Und verzweifeln. „Still“ ist so ein Buch.

Autor Zoran Drvenkar hat wieder zugeschlagen. Und das mit voller Wucht. Der Plot seines neuen Werkes entspinnt sich in drei Erzählsträngen: Ein Mann sucht seine Tochter und verliert sich dabei selbst. Ein Mädchen schaut seit sechs Jahren reglos aus dem Fenster und wartet darauf, dass sie jemand aus ihrer Starre befreit. Vier Männer haben eine Mission, die aus Hunger und Disziplin besteht und keine Opfer scheut. Geschickt verwebt der 47-jährige Autor diese Erzählstränge miteinander und erschafft ein abscheuliches Szenario.

Sein Protagonist, der sich Mika Stellar nennt, beschreibt aus der Ich-Perspektive die verzweifelte Suche nach seiner Tochter. Dabei trifft er auf ein Mädchen, das ebenfalls entführt worden ist. Doch sie spricht nicht. Seitdem sie barfuß und nur mit einem Hemd bekleidet im tiefsten Schneetreiben gefunden wurde, ist sie in ihrem Trauma gefangen. Lässt niemand an sich heran. Mika Stellar ermittelt weiter und dringt immer tiefer in eine unfassbar unmoralische Welt. Er schleicht sich in eine Männerclique ein. Ein Pädophilenring? Sind diese Männer für das Verschwinden seiner Tochter verantwortlich? Waren sie es, die zig Kinder in Berlin wie Phantome aus wohlbehüteten Elternhäusern entführten und töteten?

Die Antwort darauf soll an dieser Stelle offen bleiben. Klar ist, dass der im ehemaligen Jugoslawien geborene Autor einen tiefen Einblick in das Böse des Menschen gibt.

Seine Sprache dabei ist klar und pointiert. Er feuert den Horror in simplen Stakkato auf seine Leser. Sein Clou: Er beschreibt kaum. Gewaltszenen sind rar und für das Genre vermeintlich unblutig. Beinahe beiläufig pflanzt Drvenkar das Grauen in das Bewusstsein seines Publikums. Er lässt offen, bleibt vage. Und so entsteht der wahre Horror erst im Kopf des Lesers.

Man mag kaum glauben, dass Zoran Drvenkar zugleich auch erfolgreicher Kinder- und Jugendbuchautor ist - so monströs werden in „Still“ Kinder zu Opfern gemacht. 27 Bücher hat der Berliner Autor seit 1989 veröffentlicht, darunter auch zahlreich Kinder- und Jugendliteratur. Für „Die Kurzhosengang“ wurde er 2005 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Sein neuer Thriller ist nichts für schwache Nerven. Vor allem nichts für Eltern mit schwachen Nerven. Kein Vater, keine Mutter mag sich auch nur im entferntesten ausmalen, durch welche Hölle Kinder in Drvenkars neuem Werk gejagt werden.

Das Perfide dabei ist, dass Drvenkar den Horror nicht benennt. Er lenkt den Leser nur in eine schreckliche Richtung - um ihn zwei Seiten später in genau die entgegengesetzte, aber um so schrecklichere Richtung zu lotsen. Drvenkar hält sich weder an zeitliche Ordnungen, noch an menschliche Logik. Manchmal übertreibt er es leider dabei. Das ist schade. Das verwirrt. Das ist nicht nötig, weil so die Handlung ins Absurde abrutscht und der rote Faden - der zwar im wilden Zickzack gespannt ist - zu zerreißen droht.

Nichtsdestotrotz bleibt „Still“ bis zur letzten Seite, bis zum letzten Satz ein hochspannender Psychothriller, der die Grenzen des Menschlichen überschreitet. Nur langsam erschließt sich die perverse Wahrheit. Eine Wahrheit, die moralische Grenzen zersprengt und den Leser in den Abgrund reißt. Mit einem Schrecken, der sich in die Seele frisst.

Zoran Drvenkar: „Still“, Eder & Bach, 416 Seiten, 16,95 Euro. Drvenkar liest am morgigen Samstag beim Marburger Krimifestival ab 20 Uhr im Szenario.

von Nadine Weigel

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