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Ein Racheengel in der Pfarrkirche

Hessisches Landestheater Ein Racheengel in der Pfarrkirche

Das Hessische Landestheater startet am Samstag,7. September, an einem ungewöhnlichen Ort in die Spielzeit: Heinrich von Kleists "Michael Kohlhaas" hat um 19.30 Uhr in der Lutherischen Pfarrkirche Premiere.

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Das obere Foto zeigt Mitglieder der Kurhessischen Kantorei bei den Proben zu „Michael Kohlhaas“.

Quelle: Andreas Schmidt/Christian Buseck

Marburg. Intendant Matthias Faltz fiebert der Spielzeit entgegen: Er und sein Team haben sich längst eingelebt in Marburg, sie haben eine sehr erfolgreiche Spielzeit hinter sich und Faltz hat seinen Vertrag vorzeitig bis 2018 verlängert. Ein deutliches Signal, wie zufrieden die Theater-Gesellschafter - das Land Hessen und die Stadt Marburg - mit seiner Arbeit und der des gesamten Teams sind.

So startet das Landestheater mit Vorfreude in die erste Spielzeit ohne Stadthalle - die wird gerade bis vermutlich Herbst 2015 aufwändig saniert und um den Kulturladen KFZ erweitert. Die Vorfreude gilt den Ersatzspielstätten, um die in den vergangenen Jahren heftig gerungen wurden: die Galeria Classica, ein ehemalige Autohaus in der Schwanallee, und die Pfarrkirche im Herzen der Stadt. Faltz bringt in der großen Kirche Kleists Klassiker „Michael Kohlhaas“ auf die Bühne, die rund um den Altar gezimmert wurde.

Landestheater mit gutem Timing

Artur Molin und Julia Glasewald in einer Szene des Kleist-Dramas, das am Samstag in der Pfarrkirche Premiere hat.

Quelle: Andreas Schmidt, Christian Buseck

Der Intendant hat sich damit einiges aufgeladen, denn „Kohlhaas“ ist kein Drama sondern eine Novelle - also ein Prosatext, der erst einmal in eine dramatische Fassung gegossen werden musste: Das haben Regisseur Faltz und sein Chefdramaturg Alexander Leiffheidt übernommen. Die 1810 erschienene Geschichte ist weithin bekannt, nicht zuletzt durch die große Schlöndorff-Verfilmung von 1969, der Kohlhaas vor dem Hintergrund der 68er-Revolten als Rebellen zeigte. Wie aktuell das Landestheater mit diesem Stoff ist, zeigt eine weitere große Verfilmung von Arnaud des Pallières mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle, die am 12. September in die Kinos kommt.

Kleists Novelle basiert auf einer wahren Geschichte aus dem frühen 16. Jahrhundert. Sein Kohlhaas ist ein Rosshändler. Ein kleiner Burgherr nimmt ihm unter fadenscheinigen Gründen zwei wertvolle Pferde ab und lässt sie als Ackergäule zu Grunde richten. Kohlhaas versucht, gerichtlich gegen den Burgherrn vorzugehen, blitzt aber überall ab. Am Ende sammelt er einen Heerhaufenzusammen und zieht raubend und mordend durch das Land.

Ob das Stück gut in eine Kirche passt, wird man sehen: Es geht um Recht und Gerechtigkeit, um Moral und Ehre, um Glauben und Freiheit, um Herrschaft und Selbstjustiz.

Außerdem tritt in dem Stück Luther auf, der 1529 in der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien in Marburg auf der Kanzel stand und nun knapp 500 Jahre in der Inszenierung von Matthias Faltz an genau demselben Ort Kleists Kohlhaas von seinem Rachefeldzug abbringen will.

Die Kurhessische Kantorei wirkt mit

In der Rolle des Racheengels Kohlhaas ist Tobias M. Walter zu sehen. Artur Molin, Thomas Huth und Julia Glasewald geben in gleich mehreren Rollen ihr Debüt in Marburg. Thomas Streibig ist unter anderem als Martin Luther zu sehen.

Musik spielt eine zentrale Rolle in der Inszenierung: Eine eigens für die Produktion konzipierte Musik des Perkussionisten Olaf Pyras und des Landeskirchenmusikdirektors und Leiters der Kurhessischen Kantorei Marburg Uwe Maibaum wird die Handlung begleiten. Zudem wirkt ein Chor mit, der aus Mitgliedern der Kurhessischen Kantorei besteht. Noch weiß Heike Kollmar nur, dass das Lampenfieber steigt: rund 20 Sängerinnen haben sich mit ihr angemeldet. Sie stimmen alte Lutherchoräle an, lassen diese zu Klangwolken werden oder erzeugen die dumpfen Töne von Kanonendonner, der immer näher kommt - sie begleiten, untermalen oder kommentieren mit ihrem Gesang das Spiel der Schauspieler. „Singen im Theater ist eine tolle Ergänzung zum Chor: jede von uns hat ihre Aufgabe, muss richtig auftreten, auch mal allein anfangen - das macht mutig“, sagt sie.

„Michael Kohlhaas“ hat am Samstag um 19.30 Uhr Premiere. Weitere Aufführungen sind am 10.,13,18., 22. und 27. September sowie am 25., 27. und 29. Oktober jeweils um 19.30 Uhr. Karten gibt es an der Theaterkasse in der Galeria Classica, geöffnet montags bis freitags von 9 bis 12.30 Uhr und 15 bis 18.30 Uhr und samstags von 9 bis 12.30 Uhr.

von Uwe Badouin

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