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Ein Psychothriller à la Hitchcock

Marburger Film feiert Premiere Ein Psychothriller à la Hitchcock

Keiner der Beteiligten litt am Freitagabend im Capitol-Kino so unter Lampenfieber wie der Regisseur jener Produktion, die nach seinen Worten so teuer geworden ist wie zwei Minuten „Tatort“.

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Vor der Premiere gewährten die Schauspielerinnen Antje Kessler (von links), Tess Wiley, Heike Ulrich, Dominique Wolf (ganz rechts), der Dirigent Ulrich Manfred Metzger und der Regisseur Thomas Rösser einen Einblick in die Dreharbeiten von „Streiflicht“.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. „Sie wirken ein bisschen gestresst“, wandte sich Oberbürgermeister Thomas Spies mit einem Augenzwinkern in seinem wohltuend knapp gehaltenen Grußwort an Thomas Rösser. Der griff weiter in die Popcorn-Tüte, die offenbar ein Gegenmittel gegen Lampenfieber enthielt.

Premiere Streiflicht im Marburger Kino Capitol. Foto: Nadine Weigel.

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Moderator Ulrich Manfred Metzger hatte dem Stadtoberhaupt zuvor verbal einen roten Teppich ausgerollt und Spies zugleich in die Pflicht genommen: Kultur sei in Marburg immer schon ganz oben angesiedelt gewesen. „Aber es kann noch besser kommen“, sagte der Dirigent, der mit seinem Studenten-Sinfonie-Orchester und Mitgliedern der Jungen Marburger Philharmonie die Filmmusik eingespielt hat. Denn seit kurzem sei Kultur in der Stadt Chefsache.

Der so Hofierte gestand offen ein, dass er zum ersten Mal an einer Filmpremiere teilnehme. Und so erging es am Freitagabend wohl den meisten der etwa 400 Zuschauer. Bevor sich der Vorhang hob, erhielten sie eine knappe Stunde lang, die wie im Flug verging, Einblick in die lange Entstehungsgeschichte von „Streiflicht“ – in Gesprächen mit dem Regisseur und den Schauspielern sowie in einem kurzen „Making-of“, das auch der Crew hinter der Kamera gewidmet war und zudem in einer Szene mit „Marienhof“-Schauspielerin Heike Ulrich zeigte, dass am Set auch viel gelacht wurde.

Im Europabad nimmt der Showdown seinen Anfang

Deutlich wurde dabei: Geld ist nicht alles, um Großes zu leisten, wenn alle Mitwirkenden wie in einer großen Familie an einem Strang ziehen. Wo die Reise hingeht, wird deutlich gleich im Vorspann. Er blendet zurück ins 15. Jahrhundert und zeigt die Entstehung eines Bildes, gemalt unter anderem mit Menschenblut und Hühnereigelb: „La Notte Rossa di Sangue“, die heilige blutrote Nacht, wird ihren Besitzern kein Glück bringen, wie auch der Galerist Wilko Hansen leidvoll erfahren muss.

Kurz nachdem er auf einer Party das von ihm erworbene Gemälde enthüllt hat, wirft sich seine Lebensgefährtin Helena (Tess Wiley) vor einen Zug. Für diese Szene musste das Team nach Polen reisen, berichtete Metzger, da ein Dreh auf Gleisen der Deutschen Bahn fünfmal abgelehnt worden war.

Ansonsten aber ist der Film in Rössers Heimatstadt Marburg und Umgebung gedreht worden. Da dies hauptsächlich im Sommer 2010 geschah, erwachen Orte zu neuem Leben, die es nicht mehr gibt, wie das Europabad, in dem der Showdown seinen Anfang nimmt. Wehmut kommt auch auf bei jenen Szenen, die im „Tacos“ spielen, jener Gaststätte am Ortenberg, in der Eisenbahner im Ruhestand genauso Einkehr hielten wie Studenten und Professoren.

Grandiose Filmmusik, großartiger Hauptdarsteller

Stilistisch reist Rösser noch weiter zurück in die Vergangenheit: zu Alfred Hitchcock. Ohne den Großmeister des Psychothrillers zu kopieren, gelingt es ihm, Spannung aufzubauen, die 95 Minuten lang fesselt: mit langen Einstellungen, in deren Mittelpunkt die handelnden Personen stehen, und einer grandiosen sinfonischen Filmmusik, die Stimmungen nicht nur untermalt, sondern oft bereits vorausahnt.

Auch wenn „Streiflicht“ in jeder Hinsicht eine großartige Teamleistung ist, muss doch einer hervorgehoben werden: Hauptdarsteller Michael Herrmann. Wie er Wilkos Entwicklung nachzeichnet, ist phänomenal: Im Freudenrausch über den Erwerb des Gemäldes erkennt er nicht, dass Helena depressiv ist. Ihr Freitod lässt ihn selbst in einen Abgrund fallen. Und just dann, als er wieder Gefallen am Leben findet, dank auch seiner neuen Freundin Alea (Dominique Wolf), kehrt das Grauen zurück.

Schade, dass Herrmann als einziger nicht im Beifall des stehend applaudierenden Premierenpublikums baden konnte, da er wegen eines Trauerfalls verhindert war.

Es lohnt sich, „Streiflicht“ ein zweites Mal zu sehen – um sich nun ganz den Details der Intrige zu widmen und sich darauf zu konzentrieren, was das „wissende Orchester“ des Komponisten Markus Metzler darüber mitzuteilen hat. Dazu ist bis Mittwoch täglich ab 20.15 Uhr im Capitol Gelegenheit.

Aber es kommt noch besser: Kino-Chefin Marion Closmann hat die Laufzeit des Films bereits um mindestens eine Woche verlängert, wie Rösser bei der Premierenfeier überglücklich mitteilte.

von Michael Arndt

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