Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Ein Popstar mutiert zum Chansonnier

Sebastian Krumbiegel im TTZ Ein Popstar mutiert zum Chansonnier

So feiert man ein Jubiläum - mit einem deutschen Top-Star: Zur 50. Acoustic Lounge hat der Veranstalter Stefan Kissel einen Volltreffer gelandet. Zu Gast im TTZ war „Prinz“ Sebastian Krumbiegel. 85 Fans waren begeistert.

Voriger Artikel
Schweighöfer übernimmt die Spitze
Nächster Artikel
Abgesang auf das „starke“ Geschlecht

Locker, entspannt, souverän: Sebastian Krumbiegel von den „Prinzen“ spielte solo in der Acoustic Lounge im Marburger TTZ Marburg.Foto: Michael Hoffsteter

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Ein „Prinz“ gibt sich die Ehre im TTZ. Die 85 Plätze in dem kleinen Raum sind selbstverständlich ausverkauft, denn mit Sebastian Krumbiegel wird einer der großen deutschen Popstars der 1990er Jahre erwartet. Krumbiegel war und ist Frontman der 1991 gegründeten Leipziger Band „Die Prinzen“. Sie waren nach der Wende der erste große Pop-Export aus dem Osten. 14 Goldene Schallplatten, sechs Platinauszeichnungen, Hits am Fließband wie „Alles nur geklaut“, „Millionär“, „Gabi und Klaus“, „Küssen verboten“ oder „Du musst ein Schwein sein“ stehen auf Krumbiegels Habenseite. Und jetzt sitzt er „Solo am Piano“ im TTZ in der kleinen, aber feinen Reihe Acoustic Lounge? Man mag es kaum glauben.

„Die Prinzen“ sind längst so etwas wie seine Familie, betont er am Abend vor 85 begeisterten Fans - mehr gehen ins TTZ-Foyer beim besten Willen nicht hinein. Fast alle Musiker kennen sich aus Kindheitstagen, oder aus dem Leipziger Thomanerchor, oder von den Leipziger Montagsdemos, die das Ende der DDR einläuteten, oder von der Musikhochschule Leipzig. Und wie das so ist bei Familien, manchmal braucht man eine kleine Auszeit. Die nimmt sich der Sänger und Pianist auf seiner kleinen Solo-Tour, bevor er im März wieder in den „Prinzen“-Hafen einfährt und eine Tournee seiner „Lieblingsband“ vorbereitet.

Krumbiegel ist ein gänzlich unprätentiöser Star. Keine Spur von Großmannssucht, kein Star-Gehabe, keinerlei Allüren. Er nimmt Platz an dem kleinen Flügel. Auf „so einer Möhre wie dieser“ habe er bei einem Freund seine CD „Solo am Piano“ eingespielt. Er meint es nicht negativ. Im Gegenteil, er mag diesen alten Flügel. Fast zweieinhalb Stunden wird er spielen. Eigene Lieder, Coverversionen seiner Freunde Udo Lindenberg und Rio Reiser und von der Leipziger Band „Die Art“.

Dazwischen plaudert er viel - über sich und seine Geschichte, über Musik im allgemeinen, über musikalische Weggefährten, über die dunklen Keller Hamburgs, in die ihn Udo Lindenberg verschleppte, über Rio Reiser, der immer hart am Limit gelebt hat, über seine Heimat Leipzig, und über die Gefahr von Rechts, die er am eigenen Leib erfahren hatte, als er im Juni 2003 von Rechtsextremisten angegriffen wurde. „Wir haben noch viel zu tun“, meint der Sänger, der sich im Verein „Gesicht zeigen“ und an Schulen gegen Rechtsextremismus engagiert, mit Blick auf die Rechten.

Jeden Song, den er an diesem Abend spielt, stellt er so in einen Kontext. Ängste, Träume, Hoffnungen, Erinnerungen - all dies verarbeitet er in seinen Liedern. Und natürlich besingt er die Liebe, eines der zentralen Themen der Popmusik.

Krumbiegel hat nie klassischen Klavierunterricht genommen. Er habe sich das Klavierspielen selbst beigebracht, sagt er. Offenbar mit viel Erfolg: 2004 wurde er „Klavierspieler des Jahres“, aber das sei Hera Lind auch einmal gewesen, sagt er schmunzelnd und liefert gleich den ironischen Song dazu.

Dass er richtig gut singen kann, war zu erwarten. Schließlich nehmen sie bei den Thomanern und an der Leipziger Musikhochschule nicht jeden. Aber er ist auch ein ausgezeichneter Songschreiber. Seine Lieder sind mal ironisch, mal ernst, mal witzig, mal traurig, aber immer sehr authentisch. Am ehesten lassen sich seine sehr abwechslungsreichen Songs wohl mit dem französischen Chanson vergleichen.

Wer erwartet hatte, dass der 46-Jährige die Hits der „Prinzen“ spielt, der wurde enttäuscht. Nur zwei Songs hat Krumbiegel im Programm: „Kein Liebeslied“ und „Zurück ins Paradies“, dafür aber jede Menge andere Perlen.

Am Ende gab es tosenden Applaus für den Star aus Leipzig, der sich viele neue Sympathien erspielt haben dürfte.

von Uwe Badouin

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr