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Ein Krimi auf hohem Niveau

OP-Buchtipp Ein Krimi auf hohem Niveau

Krimis werden seit mehr als 100 Jahren gelesen. Allein nicht jeder moderne Krimi kann noch überzeugen, viele kommen zu konstruiert und kompliziert daher. Warum also nicht mal einen Krimi der ersten Stunde ausprobieren?

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Einer der ersten englischen Krimis der Literaturgeschichte, ersonnen von Wilkie Collins, spielt im hessischen Frankfurt des 19. Jahrhunderts.

Quelle: Bernd Wittelsbach

Marburg. Zum 125. Todestag von Wilkie Collins ist eine Neuausgabe von „Jezebels Tochter“ herausgekommen. Dabei handelt es sich weiterhin um die einzige deutsche Übersetzung von Thomas Eichhorn. Von der Literaturwissenschaft anerkannt gilt Collins, ein enger Freund von Charles Dickens, gemeinhin als Vater des modernen Kriminalromans.

Und wer gerne mal erkunden möchte, wie so die ersten Fälle der Literaturgeschichte dargestellt wurden, sollte sich unbedingt Collins‘ Werke „The Monestone“ (Der Monddiamant), „The Woman in White“ (Die Frau in Weiß) und vielleicht gerade als Hesse „Jezebel’s Daughter“ (Jezebels Tochter) zu Gemüte führen. Ganz untypisch für englische Kriminalromane spielt nämlich Jezebels Tochter im von uns aus nur knapp 100 Kilometer entfernten Frankfurt sowie in Würzburg.

Nun, es sei nicht zu viel verraten, wenn man sich als Leser darauf einstellen muss, dass der Täter von Anfang an bekannt ist. Doch geht es in Jezebels Tochter auch vielmehr darum, was die Antriebskraft ist, wie stark die menschliche Hinterlist wirken kann, bevor Verdacht geschöpft wird. Die besondere Kunst des Autors besteht zudem darin, Spannung zu erzeugen, obwohl der Leser weiß, wer der Täter ist.

Leser blickt hinter die Fassaden

Denn anders als der Leser, haben die agierenden Personen nicht die leiseste Ahnung, was vor sich geht. Man mag manchmal in die Seiten eine Warnung schreien wollen, doch vergebens, das Stück entwickelt sich, es gibt keine Abkehr vom Unausweichlichen. Menschen sterben, weil es der Täter so will. Die Erzählweise ist unglaublich dicht und nahe am Geschehen.

Kein Wunder, denn Collins (Foto) lässt das Werk, wie es auch für frühe Abenteuerromane üblich war, um sie authentisch klingen zu lassen, von jemandem erzählen, der in die Geschichte involviert ist. In diesem Fall ist es ein Mr. David Glenney. Nur er kann beschreibend und durch die Wiedergabe von Korrespondenzen, die Geschichte voranbringen und den Leser hinter die Fassade der einzelnen Menschen schauen lassen.

Selbst für ein bisschen Grusel ist gesorgt, denn der Hauptschauplatz, das Haus in Frankfurt, hat seine Eigenheiten und verfügt über viele kleine Geheimnisse und Verstecke. Jezebels Tochter, obgleich vor 134 Jahren erstmals in London als Buch erschienen, ist vom Thema her noch hoch aktuell.

Es geht zum einen um die Stellung der Frau in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt, zum anderen um die fatale Einmischung der Eltern in Liebesangelegenheiten des Sohnes beziehungsweise der Tochter. Ausgeprägte Charaktere machen den Roman zu dem, was er ist, einen absoluten Top-Klassiker.

  • Wilkie Collins: „Jezebels Tochter“, dtv Verlag, 367 Seiten, 9,90 Euro.

von Götz Schaub

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