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Ein Kometenschweif aus Obertönen

Klangwelten Ein Kometenschweif aus Obertönen

Klänge und Gesänge von Musikern aus Uganda, Indien, den USA und Europa, in traditioneller Form und im erstaunlichen Zusammenspiel, begeisterten das Publikum auch bei der 28. Auflage des Klangwelten-Festivals.

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Hakam Khan (von links), der 74-jährige „große alte Mann der Khementche“ aus Indien, Albert 
Bisaso-Ssempeke aus Uganda und Klangwelten-Erfinder Rüdiger Oppermann improvisieren gemeinsam.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Am Ende klatschte der Großteil der etwa 500 Zuhörer auch nach der Zugabe noch minutenlang rhythmisch weiter und es hätte wohl noch eine weitere gegeben, wenn nicht doch währenddessen viele aufgestanden und gegangen wären. Es war auch schon fast 23 Uhr, und vor dem Konzert hatte es mit dem Einlass nicht richtig geklappt.

Organisatorin Sabine Welter vom KFZ war kurzfristig erkrankt, was zu leichtem Chaos führte. Hunderte standen in der Kälte vor der Lutherischen Pfarrkirche Schlange, so dass der Beginn sich um eine Viertelstunde verzögerte. Dann aber zogen sofort die mystisch-ekstatischen, rhythmusbetonten Klänge von drei Sufi-Musiker aus Rajasthan in Westindien die Hörer in ihren Bann.

Klangwelten-Erfinder Rüdiger Oppermann erinnerte daran, dass einst in Marburg das erste Klangwelten-Festival stattfand. Nie im Leben hätte er gedacht, dass er nach 28 Jahren „als greiser Mann“ immer noch hier stehen und Musiker ansagen würde. Aber es gebe noch viel auf der Welt zu entdecken, „da bin ich noch ein bisschen beschäftigt“.

Künstler kämpften ums Überleben

Zu den Sufis erläuterte er, dass es liberale Muslime, mystische Religiöse, seien. Sie würden neben muslimischen Themen auch indische Gottheiten besingen. Es habe mit dem, was er sonst bisher vom Islam mitgekriegt habe, wenig zu tun, „mehr mit Indien“. Sufis sind den islamistischen Extremisten verhasst, bei denen Musik zu den Sünden gehört.

Besonders wies Oppermann auf das schwierig zu spielende Streichinstrument Khementche hin, das neben drei Spielsaiten aus Darm noch 16 Resonanzsaiten aus Metall hat, die einen „Kometenschweif aus Obertönen“ anhängen, wie ein akustisches Hallgerät. Dieses wunderbare, leider vom Aussterben bedrohte Instrument bediente der 74-jährige „große alte Mann der Khementche“ Hakam Khan.

Mit Albert Bisaso-Ssempeke aus der Hofmusikerfamilie der Buganda-Könige in Uganda war ein Musiker mit ähnlichem sozialem Schicksal wie die Sufis dabei. Nach dem Ende des Feudalismus müssen die ehemals hoch angesehenen Künstler ums Überleben kämpfen, das Interesse an dieser traditionellen Musik, die der Multiinstrumentalist unter anderem auf Ennanga-Harfe und Leier spielte und dazu ausdrucksvoll sang, sei mittlerweilegering in Uganda.

Dass ein Publikum ihnen so aufmerksam lausche, seien diese Musiker von zu Hause nicht gewöhnt. Im Laufe der Tournee seien ihr Selbstwertgefühl und ihre Ansprüche an sich selbst gewachsen und ihre Musik werde immer besser, erzählte Oppermann.

Völlig andersartig war das, was Diana Rosa präsentierte. Stark geschminkt, unter Einsatz von viel Gestik und Mimik, sang sie aus der Kirchenkanzel ihre Avantgarde-Creole-Klänge im San Francisco-Style, die sie teils mit elektronischen Effekten vervielfachte und veränderte. Dazu nutzte sie zwei Mikrofone: eines für den „reinen“ Gesang, eins für den manipulierten. Als Tochter eines amerikanisch-irischen Althippies und einer karibischen Arawak-Ureinwohnerin erscheint sie prädestiniert, Weltmusik zu machen.

Das Festivalensemble vervollständigte der schon seit 28 Jahren dazugehörende indische Tabla-Meister Jatinder Thakur (kleines Foto: Schubert), der bei einem Perkussions-Trialog mit seinen indischen Kollegen ein phantastisches, mitreißendes Trommelerlebnis bot.

Weitere Höhepunkte bildeten die von mehreren Musikern in unterschiedlichen Zusammensetzungen und die vom ganzen Ensemble gemeinsam dargebotenen, von Oppermann gewohnt genial arrangierten Stücke. In diesem Jahr wurde das Klangwelten-Erlebnis zusätzlich optisch kräftig unterstützt, was viele Zuhörer am Ende positiv hervorhoben. Die von der „Marburg b(u)y Night“ noch in der Kirche vorhandenen Illuminationen bediente Flashlight- und KFZ-Mitarbeiter Heiner Wieding hervorragend.

von Manfred Schubert

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