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Ein Käfig voller Narren

"Was ihr wollt" am Landestheater Ein Käfig voller Narren

Tolle Kostüme, witzige Bühnenideen und ein ausgesprochen spielfreudiges Ensemble: Shakespeare selbst hätte wohl großen Spaß an seiner Komödie „Was ihr wollt“ in der Version des Intendanten Matthias Faltz gehabt.

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Die Knallchargen aus „Was ihr wollt“: Der selbstgefällige Malvolio (Ogün Derendeli, von links), der eitle Herzog Orsino (Camil Morariu), schemenhaft im Nebel die durchtriebene Magd Marie (Max Heckmann), der tumbe Junker von Bleichwang (Thomas Huth), die schöne Gräfin Olivia (Insa Jebens) und Viola-Cesario (Lene Dax), die die Liebe blind macht. Es fehlt der Säufer Rülp (Jürgen Helmut Keuchel), der vermutlich gerade wieder feiert.Foto: Killa Schuetze

Marburg. Schon die Exposition des Faltz‘schen Bühnenpersonals ist ein großer Wurf. Ziemlich schräge Typen rollen da auf Laufbändern herein: ein Säufer, der nichts mehr verabscheut als leere Flaschen, ein Volltrottel, ein selbstverliebter Herzog, eine durchtriebene Magd, ein ebenso opportunistischer wie großspuriger Verwalter, eine reiche Gräfin, die die Liebe packen wird, und eine gestrandete junge Frau, die die Liebe blind macht. Und dazwischen als Puppe, die von den Schauspielern geführt wird, der Narr Feste, der seine Würde bewahrt.

Intendant Matthias Faltz hat einen Lauf: Im vergangenen Sommer begeisterte sein „Cinderella - A Rock‘n‘Roll Fairytale“ mit Witz, Tempo und toller Lieve-Musik tausende Besucher auf dem Marburger Marktplatz. Seit November ist seine äußerst unterhaltsame „Soul Kirchen“-Inszenierung nach den gleichnamigen Film von Fatih Akin permanent ausverkauft. Um Karten muss man sich Wochen im Voraus bemühen.

Und nun wird es bei Shakespeares Komödienklassiker „Was ihr wollt“, der am Samstag im ausverkauften Theater am Schwanhof Premiere hatte, vermutlich kaum anders sein. Zu wünschen wäre es dieser temporeichen Inszenierung, in der sich die sieben Darsteller sichtlich wohlfühlen. Sie dürfen ihre Charaktere nach Herzenslust zu grellen Karikaturen überzeichnen, greifen dabei auf eine ausgeprägte Gestik zurück, die man aus Zeiten des Stummfilms kennt. Kombiniert mit den wunderbaren Versen Shakespeares, der noch jeder Nebenrolle einen eigenen Zauber verleiht, ergibt dies leichtfüßiges, sehr unterhaltsames Theater.

Stück auf zwei Stunden gestrafft

„Was ihr wollt“ ist eine der großen Komödien von William Shakespeare. Die Handlung des vermutlich 1602 uraufgeführten Stückes ist im Grunde schnell erzählt. Violas (Lene Dax) Schiff strandet an der Küste von Illyrien. Sie glaubt, ihr Zwillingsbruder Sebastian ist im Meer umgekommen. Für Trauer ist in diesem wild-komischen Stück über die Liebe aber keine Zeit. Um sich zu schützen, schlüpft sie in die Rolle eines jungen Mannes, nennt sich Cesario und begibt sich an den Hof des überkandidelten Herzogs Orsino (Camil Morariu). Der ist scheinbar unsterblich verliebt in die reiche Gräfin Olivia (Insa Jebens), liebt aber im Grunde nur sich selbst. Olivia wiederum verliebt sich jäh und heftig in Cesario, der sie wiederum von der Liebe Orsinos überzeugen soll. Cesario-Viola hat sich unterdessen in Orsino verguckt. Das ist die verliebte Oberschicht in „Was ihr wollt“.

Eine Ebene darunter rangiert der herrische Verwalter Malvolio (Ogün Derendeli), der sich zu Höherem berufen fühlt und ein Auge auf seine Herrin Olivia geworfen hat. An Olivias Hof leben auch der intrigante Schluckspecht Tobias von Rülp (Jürgen Helmut Keuchel) und Junker von Bleichenwang, aus dem Thomas Huth einen der dümmsten und selbstgefälligsten Menschen macht, die je eine Bühne betreten haben. Gemeinsam mit der durchtriebenenen Magd Marie (Max Heckmann wie zu Zeiten Shakespeares in einer Frauenrolle) spielen sie Malvolio einen derben Streich. Und am Ende gibt es fast so etwas wie ein Happy End.

Faltz hat einige Rollen ganz gestrichen, andere zusammengefasst und das Stück auf zwei Stunden Spielzeit gestrafft, die wie im Flug vergehen.

Die Bühne ist leer, bis auf Guckkästen im Hintergrund, die Faltz sehr geschickt einsetzt. Die Inszenierung lebt von den wunderbaren Kostümen, die Alin Pilan entworfen hat, und natürlich von dem tollen, pointierten Spiel aller Darsteller.

Für die nur auf den ersten Blick schlichte Bühne haben sich Intendant Faltz und Harm Naaijer noch einige Besonderheiten einfallen lassen: einen Drehteller und Laufbänder, die von Hand betrieben werden müssen. Auf denen „rollt“ das Shakespeare‘sche Personal in die Liebes-Arena. Einfach toll.

Die nächsten Aufführungen sind am 24. und 26. Februar sowie am 1. und 5. März, jeweils um 19.30 Uhr im Theater am Schwanhof.

von Uwe Badouin

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