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Ein Freund der Freiheitskämpfer

Nachruf auf Richard Attenborough Ein Freund der Freiheitskämpfer

Mehr als sechs Jahrzehnte war Richard Attenborough einer der einflussreichsten Vertreter des britischen Films - als Schauspieler und Regisseur. Am Sonntag starb er im Alter von 90 Jahren.

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Das Archivfoto zeigt den britischen „Oscar“-Preisträger und Regisseur Richard Attenborough im Februar1997 bei den 47. Internationalen Filmfestspielen in Berlin, wo er seinen Film „In Love and War“ vorstellte. Foto: Andreas Altwein

Quelle: Andreas Altwein

London. Frei von Ironie war diese Karriere nicht, aber darauf verstehen sich die Engländer ja bestens: Richard Attenborough führte Britanniens Kino zu Weltruhm.

Die Queen ernannte ihn 1993 zum Lord Attenborough of Richmond-on-Thames, weshalb er von nun an im Oberhaus Politik machen durfte. Und schon bevor er vor und hinter der Kamera berühmt wurde, verteidigte er als Pilot der Royal Air Force sein Land gegen die Deutschen.

Doch wovon erzählt Attenborough in seinem größten Erfolg? Vom Niedergang und vom Zerfall des britischen Empires. Er war der gefeierte Kino-Chronist dieses Untergangs. 181 Minuten Kino, 300000 Statisten: Das war „Gandhi“ (1982), die Biografie des indischen Freiheitskämpfers, der die Briten in die Knie zwang - und Hauptdarsteller Ben Kingsley noch bekannter machte als Attenborough selbst.

Dem Filmemacher gelang in seiner damals erst fünften Regiearbeit etwas, was im heutigen Actionkino - nicht nur in Hollywood - vergessen ist: Er verband das Monumentale mit dem Persönlichen. Diese Geschichte verpufft nicht in Spezialeffekten und Action-Geschnipsel. Die Faszination geht aus von einem hageren Mann mit Brille und Lendenschurz, der unbeirrbar seinen Weg beschreitet. Acht Oscars, zwei davon für ihn als Regisseur und Produzenten, brachte Attenborough dieses Epos über den Glauben an die Gewaltlosigkeit und die Würde des Menschen ein.

Zwei Jahrzehnte lang hatte Attenborough „Gandhi“ vorbereitet und an den historischen Details gefeilt. Der Brite sah sich in der Tradition von David Lean („Lawrence von Arabien“) - und tatsächlich war er einer der letzten Monumentalfilmer vor dem Beginn des digitalen Zeitalters, in dem das Kino endgültig seine Haftung an die Wirklichkeit verlor.

Begonnen hatte der 1923 in Cambridge geborene Attenborough als Schauspieler. Als pausbäckiger Bösewicht Pinky sammelte er 1947 in Graham Greens Romanverfilmung „Brighton Rock“ Meriten.

Zusammen mit seiner Frau Sheila Sim, mit der er mehr als ein halbes Jahrhundert verheiratet war, spielte er 1952 in der Erstaufführung von Agatha Christies Krimi „Die Mausefalle“ im Londoner West End. Seinen internationalen Durchbruch feierte er an der Seite von Steve McQueen und James Garner in „Gesprengte Ketten“ (1963).

Nach langer Schauspieler-Abstinenz wechselte er für Steven Spielberg 1993 noch einmal vor die Kamera und gab im Seniorenalter in „Jurassic Park“ lustvoll den exzentrischen Milliardär - gewissermaßen den menschlichen Dino unter lauter Dinosauriern.

Mehrere Jahrzehnte lang dazwischen aber konzentrierte sich Attenborough voll und ganz auf seine Arbeit als Regisseur. Aufmerksamkeit in Deutschland erregte sein Kriegsfilm „Die Brücke von Arnheim“ (1977), die Geschichte eines fehlgeschlagenen Luftlandeunternehmens der Alliierten in Holland. Wenige Jahre nach „Gandhi“ folgte „Schrei nach Freiheit“ (1987), in dem er die Apartheidpolitik anklagte - in Südafrika wurde der Film über Steve Biko (gespielt von Denzel Washington) verboten.

Die Sympathie für die Entrechteten war wohl in Attenboroughs Genen gespeichert: Seine Eltern hatten zwei aus Deutschland geflüchtete Juden adoptiert, er selbst gehörte der Labour Party an.

An den Erfolg von „Gandhi“ konnte Attenborough später nicht mehr anknüpfen. Er gab in „A Chorus Line“ (1985) Einblicke in die knallharten Praktiken des Showgeschäfts, drehte einen Spielfilm über Charlie Chaplin („Chaplin“, 1992) und erzählte von der ersten Liebe Hemingways („In Love and War“, 1996). Sein zwölfter und letzter Spielfilm wurde noch einmal zu einer persönlichen Angelegenheit: „Closing the Ring“ (2007) handelt von einem Bomberpiloten im Zweiten Weltkrieg.

Zuletzt lebte Lord Attenborough, den seine Freunde lieber „Dickie“ nannten, mit seiner Frau Sheila in einem Altersheim.

Nie kam er ganz darüber hinweg, dass die älteste seiner drei Töchter sowie seine kleine Enkelin beim Tsunami Weihnachten 2004 in Asien umgekommen waren. Wenige Tage vor seinem 91. Geburtstag am 29. August ist Richard Attenborough gestorben.

von Stefan Stosch

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