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Ein Chronist, der mit Scherzen beschäftigt ist

Eckhard Henscheid im Café Vetter Ein Chronist, der mit Scherzen beschäftigt ist

Der Satiriker Eckhard Henscheid war am Sonntag zu Gast im Café Vetter. Der „Pardon“- und „Titanic“-Autor stellte seinen Kultroman „Die Vollidioten“ vor.

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Quelle: Gut gelaunt signierte Eckhard Henscheid nach seiner Lesung im Café Vetter seine Bücher.

Marburg. Regelmäßig neu aufgelegt, erfreute sich „Die Vollidioten“ seit seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1972 ununterbrochener Präsenz im deutschen Buchhandel. Seit diesem Jahr ist eine neue Ausgabe erhältlich, erschienen bei Schöpfling & Co.

Henscheid schrieb für Satiremagazine wie Pardon und Titanic und wird von seinen Lesern für seine ebenso elegante wie scharfzüngige Prosa geschätzt, in die er Nichtigkeiten zu kleiden vermag.

Im Vorfeld des Lesefestes „Frankfurt liest ein Buch“ stattete der Schriftsteller auf Einladung der Neuen Literarischen Gesellschaft auch dem Café Vetter einen Besuch ab, es war quasi eine Art „Lese-Trainingslager“. Denn vom 31. März bis 13. April erwartet den Autor eine „furchtbar anstrengende Veranstaltungsreihe“, wie er es beschreibt. „Im fünften Durchgang der Reihe hat es nun mich getroffen“, erklärt Henscheid salopp den Anlass für die neue Ausgabe seines autobiographisch gefärbten Erstlings. Sein Roman erfährt noch einmal große Medienpräsenz.

"Triologie des laufenden Schwachsinns"

Henscheid zeigt sich zufrieden. Es sei eine schöne Arbeit gewesen das Buch zum 10. Mal Korrektur zu lesen, dies könnten nun wirklich nicht alle Autoren von ihrem Werk behaupten. Letztlich sei der Text unverändert geblieben, doch ein Nachwort habe er für die neue Ausgabe geschrieben.

Man könnte meinen, die Erzählung aus der „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ lässt den Zeitgeist der 1970er Jahre im Frankfurter Szene-Viertel „Nordend“ wiedererstehen, doch Henscheid betont: „Dass dies ein Roman der Studentenbewegung sei, ist wirklich falsch.“

Die Erzählung schildert sieben Tage im Umkreis des Gasthauses „Mentz“. Der Schweizer Herr Jakopp verliebt sich in Fräulein Czernatzke. Im Kern gehe es um eine Liebesaffäre oder das reinste Affentheater, erklärt Henscheid zu Beginn der Lesung. Der Ich-Erzähler ist Henscheid selbst und wird zum Postillon d‘Amour. „Dieser Chronist ist allerdings unaufmerksam, da er ständig mit Scherzen und Händchenhalten beschäftigt ist“, erklärt der Schriftsteller.

Beißend ironischer Erzählstil

Ein Hauch Sozialutopie weht durch das Gasthaus Mentz, wenn über die Gründung eines „Vereins zur Abschaffung der Sexualität wegen unerträglicher Banalität der dabei anfallenden Vorgänge“ diskutiert wird.

Nunmehr 42 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung könnte es den Anschein haben, dass „Die Vollidoten“ zu dem geworden ist, was der Roman bereits damals im Untertitel versprach: „Ein historischer Roman aus dem Jahr 1972.“ Allerdings macht Henscheids beißend ironischer Erzählstil diesem Gedanken heute wie damals einen Strich durch die Rechnung. Historisch erscheint beispielsweise allein die Währung, wenn der immer blanke Herr Kloßen seine Schulden abenteuerlich jongliert, bis dem Leser der Kopf schwirrt.

Doch das laute Gelächter des Publikums über die Rechenexempel des arbeitslosen Kapitalisten lässt ahnen, diese Töne scheinen den Zuhörern auch heute noch wohl vertraut zu sein.

von Wiebke Hoffmann

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