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Ein Buch, dem der Leser verfallen kann

OP-Buchtipp: J. J. Abrams: „S. – Das Schiff des Theseus“ Ein Buch, dem der Leser verfallen kann

Früher drehte er „Lost“, bald den neuen „Star Wars“. Dazwischen bringt er gemeinsam mit Doug Dorst einen der derzeit wohl interessantesten Romane heraus: das Abenteuer „S.“.

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US-Regisseur J.J. Abrams hat gemeinsam mit Doug Dorst ein ungewöhnliches Buchprojekt verfasst.

Quelle: Kiepenheuer & Witsch, Tracey Nearmy

Das Buch ist eine Pracht, die aus dem Rahmen fällt. Im wahrsten Sinne des Wortes. „S.“ ist ein Zauberbuch, das einen ganz leicht in seinen Bann zieht.

Und dafür muss man noch nicht einmal eine einzige Zeile von „S. – Das Schiff des Theseus“ gelesen haben. Was in einem schlichten Schuber mit großem, schwarzem Fraktur-S daherkommt, ist die wohl sonderbarste Neuerscheinung im deutschen Literaturherbst. Allein die reiche Gestaltung von J. J. Abrams‘ und Doug Dorsts Werk wird das Herz eines jeden Bibliophilen höherschlagen lassen.

In der schwarzen Hülle steckt der Roman „Das Schiff des Theseus“ eines gewissen V. M. Straka. Zwischen den Seiten des scheinbar abgegriffenen Bibliotheksexemplars von 1949 stecken allerlei lose Postkarten, Briefe, Telegramme, Fotos oder Zeitungsartikel, die für die Handlung wichtig werden.

Buch soll „ein Fest des Analogen sein“

Einen physischen Rahmen kennt dieses Buch nicht. „Es soll ein Fest des Analogen, des materiellen Objektes sein“, hat Abrams gesagt, als das englische Original vor zwei Jahren erschien. „In den immateriellen Zeiten von E-Mails, SMS und Clouds ist dieses Buch bewusst greifbar.“ Neben den zahlreichen Zusatzmaterialien fallen sofort Hunderte handschriftliche Fußnoten auf den vergilbten Seitenrändern ins Auge, die „S“ komplett machen.

Zwei Leser des Straka-Romans treten darüber in einen Dialog. Schnell wird klar: Eine chronologische Lektüre ist kaum möglich. Hier werden mehrere Stränge ineinander verwoben: ein horizontales Erzählen, wie man es von anderen Abrams-Werken kennt – die aber weniger mit Literatur denn mit Fernsehen zu tun haben.

Denn eigentlich ist der 49-jährige Regisseur, Drehbuchautor und Produzent: Seine 
Serie „Lost“ wurde mit mehreren Emmys und einem Golden Globe ausgezeichnet. Das komplex konzipierte Format um eine Gruppe Gestrandeter gilt bei vielen Kritikern als eine der originellsten Serien der Nullerjahre. Mitte Dezember wird zudem seine „Star-Wars“-Episode „Das Erwachen der Macht“ in die Kinos kommen.

Dinge sind nie, wie sie auf den ersten Blick erscheinen

Die Idee zu „S.“ sei ihm am Flughafen gekommen, erzählt Abrams. Da lag ein Roman, in dem geschrieben stand: „Wer dieses Buch findet – bitte lesen, mitnehmen und dann dem nächsten hinlegen.“ Dem Kalifornier gefiel die optimistische Vorstellung, jemandem mit der Lektüre auch eine Nachricht zu hinterlassen.

Das war vor 15 Jahren. Konkret wurde der Plan dann knapp ein Jahrzehnt später, als er den Schriftsteller und Dozenten Dorst ins Boot holte. „Mein Name steht außen drauf“, sagt Abrams, „aber in Wahrheit ist Doug der Autor.“

Als das Projekt begann, sagt Dorst, habe er sich zuerst an den Roman im Roman gesetzt: Strakas „Das Schiff des Theseus“. Darin verfällt Protagonist S. einer geheimnisvollen Frau. Auf der Suche nach seiner flüchtigen Begegnung wird er mal auf See entführt, mal gerät er in eine Bande von Revolutionären. Ein rätselhafter Plot, der für sich allein bereits ein Seitenwender wäre. Nicht umsonst verweist der Titel auf das Identitäten-Paradox um das Schiff des antiken Helden.

Als dieser Thriller fertig war, begann Dorst mit den Fußnoten. „Ein Sandkasten voller Glück und Vergnügen“, sagt er. Darin erörtern Doktorand Eric und die Studentin Jen grundsätzlich die Frage: Wer eigentlich ist dieser Straka? Sie kommen einer Verschwörung auf die Spur und sind bald selbst mittendrin. Was hat der rätselhafte Autor mit Erics zwielichtigem Doktorvater zu tun? Wie ganz nebenbei finden die frühen Knospen einer Liebe ihre ersten Worte.

Nichts ist, wie es anfangs scheint

Als „S.“ in der englischen Ausgabe erschien, waren die Rezensenten begeistert – vor allem der Form wegen. Im US-Kulturmagazin „New Yorker“ hieß es, der Roman sei „das vielleicht schönste Buch, das ich je gesehen habe“. Und der britische „Guardian“ bezeichnete den Roman als „eine der erstaunlichsten Leistungen der Buchproduktion“.

Literarische Vorbilder waren die großen US-Romane der Postmoderne. Wie in Thomas Pynchons „V.“ taucht auch in „S.“ dieser eine mysteriöse Buchstabe an allen erdenklichen Orten auf. Ebenso wird die Suche nach dem Menschen hinter dem Initial zu einem allegorischen Alptraum. Und den Fußnoten-in-Fußnoten-Overkill kennt man weithin etwa aus „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace.

In „S.“ wimmelt es von narrativen Metaebenen, über die sich Binnen- und Außenhandlung verschränken. Identitäten werden gespiegelt. Dinge sind nie, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Abrams und Dorst drehen den Hypertext – eigentlich eine digitale Entwicklung der Literatur –, zurück in eine analoge Form. Freilich kann man „S“ auch als E-Book kaufen. Dann aber würde man sich selbst um das größte, weil haptische Vergnügen bringen.

  • J. J. Abrams, Doug Dorst: „S. - Das Schiff des Theseus“, Kiepenheuer & Witsch, 522 Seiten, 45 Euro.

von Sebastian Fischer

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