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Ein Autor zwischen Hass und Respekt

Leon de Winter bei campus marburg Ein Autor zwischen Hass und Respekt

Bei seiner Lesung in der Uni-Bibliothek gab Leon de Winter erstaunlich persönliche Einblicke. Er erzählte auch, wie es dazu kam, dass der ermordete Regisseur Theo van Gogh und de Winter selbst in seinem neuen Roman auftauchen.

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Professorin Angela Krewani sprach mit dem niederländischen Autor Leon de Winter bei dessen Lesung in der Universitätsbibliothek.Foto: Mareike Bader

Marburg. Zwischen Leon de Winter und Theo van Gogh gab es immer wieder Kontroversen. Der Provokateur van Gogh warf de Winter vor, seine jüdische Herkunft zu vermarkten - für de Winter war der Regisseur Theo van Gogh einfach nur ein widerlicher Mensch. Theo van Gogh hatte de Winter über Jahre hinweg immer wieder öffentlich geschmäht und beleidigt. Der Regisseur war am 2. November 2004 in Amsterdam von einem radikalen Muslim auf offener Straße niedergeschossen worden.

Bei der Frankfurter Buchmesse gestand de Winter: Zwar habe er seinen Hass auf den Filmemacher in seinem Buch zum Ausdruck bringen wollen, doch das sei ihm nicht gelungen. „Das Schreckliche ist, während ich schrieb, habe ich angefangen, ihn zu schätzen und ich fand ihn am Ende ziemlich sympathisch.“

So behandelt der Schriftsteller seinen Kontrahenten in seinem neuen Roman „Ein gutes Herz“ mit sehr viel Respekt. Ohne Respekt vor den Charakteren könne ein Roman nicht funktionieren, erklärt Leon de Winter bei der Lesung am Freitagabend, und fügt gleich hinzu, dass Theo van Gogh ein Scharlatan gewesen sei.

„Ein gutes Herz“ beginnt direkt mit der Ermordung des Regisseurs. Geschickt verbindet Leon de Winter grauenvolle Wahrheit, die die Niederlande auch politisch erschütterte, mit seiner Fiktion. Der emotionale Protagonist Theo van Gogh schwebt über der Szenerie, muss mit ansehen, wie ihm sein Mörder Mohammed Boujeri auch noch die Kehle durchschneidet, nachdem er ihn erschossen hat, und ihm schließlich das Bekennerschreiben mit einem Messer an die Brust heftet. Im Roman ist van Gogh als Mensch zu schlecht für den Himmel, aber auch zu gut für die Hölle und sitzt damit fest.

Leon de Winter las am Freitag aus dem ersten Gespräch zwischen dem nun toten Regisseur und seinem neuen „Bewährungshelfer“ Jimmy Davis. Der lockere Schreibstil sorgte immer wieder für Lacher. Die deutsche Übersetzung ähnelt im Sprachfluss sehr der niederländischen Sprache. Das merkte man bei der Lesung besonders. Je emotionaler der Abschnitt war, desto eher hörte man den Niederländer de Winter heraus.

Eigentlich sollte sich der Roman um den jüdischen Großkriminellen Max Kohn drehen. Das änderte sich, als Leon de Winter 2010 einen Fernsehausschnitt mit Theo van Gogh im Internet sah.

Also änderte er die Dramaturgie seines Buches und schloss sich sogar selbst mit ein. Denn wenn Theo van Gogh vorkäme, könne er selbst nicht wegbleiben. Max Kohn blieb dem Roman als treibende Kraft erhalten. Er hat bei einer Transplantation das Herz des Franziskaners Jimmy Davis erhalten.

Beim Autorengespräch mit der Medienwissenschaftlerin Professorin Angela Krewani spürte man deutlich, wie sensibel Leon de Winter für seine Umgebung ist. Für seinen Roman hat er sorgfältig recherchiert, um sich ein Bild der jungen Terroristen zu machen.

Dabei stieß er auf ein Problem, das er selbst gut kennt: Die fehlende Vaterfigur. Dieses Thema sei ihm ein persönliches Bedürfnis, erzählt er: „Wenn ich was erfinde, brauche ich einen Vater.“

Leon de Winter berichtete aber auch von Beobachtungen im privaten Leben: Von seinem Sohn, der lieber Videospiele spiele statt zu lesen oder von seiner eigenen Leidenschaft für TV-Serien. Sie seien für ihn die großen Geschichten, wie die Romane im 19. Jahrhundert, so der Filmemacher. Es reize ihn sehr, wieder an einer Serie zu arbeiten und er sei momentan auch in Verhandlungen dazu.

Leon de Winter: „Ein gutes Herz“, 502 Seiten, Diogenes Verlag, gebunden, 22,90 Euro

von Mareike Bader

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