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Ein Alptraum für den Benimm-Coach

Comedy Ein Alptraum für den Benimm-Coach

Subtiler Wortwitz? Feingeistiges Kabarett? Nichts da - Carolin Kebekus ist in der Stadt. Und da heißt es: „Mütter, schließt eure Söhne weg“. Wo „Pussyterror“ draufsteht, ist auch „Pussyterror“ drin.

Marburg. Sie ist wie Bushido, sagt Carolin Kebekus von sich selbst. Gut - „wie Bushido mit bisschen Ballett-Unterricht“. „Mushido“ also. Aufgewachsen in Köln-Ostheim, „kölsch-katholisch“, was eine gemäßigte Form darstellt, wie sie dem Publikum erklärt, mit einer Oma aus Schlesien, die täglich zum „Friedhofsgossip“ unterwegs ist und mit einem Sparfuchs von Papa, der, „ein bisschen kriminell“, sonntags Sand von der Baustelle klaut. Der bestand auch darauf, dass alle ihre Spielsachen auf dem Flohmarkt gekauft wurden. „Meine Barbies hießen Olga“? Das prägt fürs Leben.

Sie beginnt ihre Show ganz im „Ghetto-Style“, mit einem Rap-Song, mit Sonnenbrille, Basecap und Lederjacke. Keine Sekunde lässt sie ihr Publikum im Zweifel, dass es bekommt, was der Titel ihres Programms verspricht. Deftig, derb und mit einer Frequenz an zotigem Vokabular, dass man mit dem Piepton nur mühsam hinterher käme, würde man denn wollen. Will man aber gar nicht. Zumindest als Fan.

Und Fans bejubeln Carolin Kebekus nicht nur in Marburg. Die 32-Jährige hat bereits den Deutschen Comedypreis, den Kabarettpreis „Tegtmeiers Erben“ und den „Prix Pantheon“ gewonnen.

Sie zelebriert Provokation und Parodie. Sie prollt und sie brüllt. Ein Bühnenfigur gewordener Alptraum für jede Gleichstellungsbeauftragte und jeden Benimm-Coach. Samt buntem Reigen an Bezeichnungen für Geschlechtsteile und was man damit anstellen kann.

Aber egal ob es Männer sind oder Frauen, auch ihre Heimatstadt Köln und sein FC, Bohlen oder Brüderle - alle kriegen sie ihr Fett weg. Und zwar mitnichten „light“. Sondern genau so, wie Carolin Kebekus auch ihr Mettbrötchen mag: dass man die Zahnabdrücke sieht. Im Mett UND in der Butter.

Es war ihr „erstes Mal“ mit Marburg, am Montagabend - „wie konnte das passieren?“. Viele ihrer Freunde seien zum Studium hergekommen, aber sie hatte es zuvor nie hierher geschafft. Und wollte wissen, ob es denn in Marburg auch Ghettos gäbe. Den Zuruf „Richtsberg“ kommentierte sie skeptisch. Das klänge nun aber so gar nicht nach Ghetto, eher als würden Schulausflüge dorthin stattfinden?

Was sie in ihrer eigenen Schulzeit, in Kindheit und Pubertät erlebt hat, ist immer wieder Thema im Programm. Mitunter in allen, und das ist wörtlich zu nehmen, blutigen Details. Schließlich ist Carolin Kebekus ein „Mensch mit Menstruationshintergrund“.

Sie fragt sich, was nicht stimmt mit ihr als Frau. Sie hasst Shoppen und versteht „Sex and the City“ nicht. Zum Thema Sexismus-Debatte hat sie eine klare Meinung: „Bei Brüderle heißt es Aufschrei und bei Bohlen Unterhaltung? „Da hab ich keinen Bock drauf“. Wenn Frauen ihren Ausschnitt präsentieren, dann sei das übrigens eine Falle. Eigentlich für Brad Pitt gedacht. Aber „ein bisschen Brüderle“ müsse man als „Beifang“ gegebenenfalls hinnehmen.

Worum sie sich sorgt, sind die Bilder, mit denen junge Frauen tagtäglich konfrontiert werden. Wohin soll das führen? Zum Berufswunsch Ex-Frau, zu erlernen an der Lothar-Matthäus-Berufsschule? Dass immer eine heult bei „Germanys Next Top Model“, sei auch kein Wunder. „Die hat Hunger“, mutmaßt Carolin Kebekus. Überhaupt, das Fernsehen. „Für, mit und von Asozialen gemacht“. 200 Jahre Emanzipation - in zehn Minuten beim „Bachelor“ vernichtet. Viele krasse Sachen habe sie heute gesagt, gesteht sie dann bei der Zugabe. Und sie wäre nicht Carolin Kebekus, wenn sie nicht klarstellen würde: „Ich hab die natürlich alle so gemeint“.

Von Nadja Schwarzwäller

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