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Ein Akt der Selbstfindung

Andreas Maier im Landestheater Ein Akt der Selbstfindung

Es war viel los am Mittwochabend in der Blackbox des Hessischen Landestheater: Der Schriftsteller Andreas Maier stellte seinen neuen Roman „Die Straße“ vor.

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Genauer Blick auf die Wirklichkeit: Andreas Maier las aus seinem Buch „Die Straße“.Foto: Bettina Preussner

Marburg. Andreas Maiers neues Buch „Die Straße“ sei Teil eines radikal biografischen Projekts, erläuterte Malte Dreyer vom veranstaltenden Marburger Literaturforum bei der Begrüßung. Die Romanreihe sei eine fortlaufende Geschichte mit vielen urkomischen Elementen, so Dreyer weiter.

Mit klarer, fester Stimme begann Maier seine Lesung. Das Buch spielt Mitte und Ende der 70er Jahre im hessischen Friedberg. Es erzählt unter anderem vom frühen Herantasten des Jungen an die fremde Welt der Mädchen, die voller Rätsel steckt. Das beginnt schon damit, dass Eva aus Adams Rippe entstanden sein soll, eine völlig unverständliche Vorstellung. Erste Kontakte mit der Mädchenwelt hat er durch die ältere Schwester und deren Freundinnen, die ihn mit ihren Doktorspielen verwirren. Immer wieder fällt ihm auf, dass die Schwester ebenso wie alle anderen in zwei Welten zu leben scheinen: in der ganz normalen, sichtbaren Welt und in der geheimen, dunklen Welt der Sexualität.

In diesen geheimen Kosmos gehört auch die Angst vor Fremden, die den Kindern eingeimpft wird, die „Angst vor dem schwarzen Mann“. Wer dieser Mann genau ist, kann sich der Junge nicht vorstellen. Ebenso rätselhaft bleibt das Auftauchen eines Exhibitionisten, der die Menschen in seinem Wohnviertel verschreckt.

Andreas Maier hat einen genauen Blick auf den Alltag und auf die Menschen, die ihn umgeben. Ihm entgeht kein Detail, nicht die kleinste Schwäche seiner Mitmenschen. Hinzu kommt sein feiner Humor, mit dem er urkomische Szenen schafft. So beschreibt er witzig, wie sich die biederen Bürger seines Viertels damals zusammenrotteten, um mit Knüppeln und Spaten bewaffnet den Exhibitionisten zu jagen.

Maiers Buch ist in sachlicher, fast lakonischer Sprache geschrieben. Sein kreisender, insistierender Stil erinnert ein wenig an den österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard, über den Maier auch promoviert hat.

In der anschließenden Fragerunde wurde der Autor nach seiner Arbeitsweise gefragt. „Ich entwickele für jedes Buch ein neues Gedankengerüst“, erläuterte er. „Meine Romanreihe soll ein großes Ganzes werden, das aus verschiedenen, ganz eigenständigen Gliedern besteht.“ Als seine Vorbilder nannte er den kürzlich verstorbenen Schriftsteller Peter Kurzeck, sowie den Autor und Regisseur Edgar Reitz mit seiner „Heimat“-Reihe.

Für ihn sei es beim Schreiben wichtig, von der greifbaren Realität auszugehen, ergänzte Maier. Darüber hinaus sei das Schreiben für ihn „ein Akt der Selbstfindung“.

Andreas Maier wurde 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren. Von der autobiografischen Reihe sind bisher „Das Zimmer“ und „Das Haus“ erschienen, darüber hinaus „Wäldchestag“, „Sanssouci“ und „Onkel J.“. Alle seine Werke spielen in Hessen. Maiers Bücher wurden in zehn Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet.

von Bettina Preussner

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