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Zwei Kabarettisten wie Tag und Nacht

Egersdörfer und Puntigam im KFZ Zwei Kabarettisten wie Tag und Nacht

Die beiden Künstler gaben sich in ihrem Programm „Erlösung“ als heilsbringende Weltverbesserer. Allerdings wies das Programm im zweiten Teil eine eklatante Schwäche auf.

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Matthias Egersdörfer (links) als fränkischer Proll und Martin Puntigam als sanfter Wortartist aus Österreich begegnen sich auf der Bühne des KFZ.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Nur eins verbindet den Wiener Martin Puntigam und den Fürther Matthias Egersdörfer: Der Hang zum urigen Akzent. Das war es allerdings auch schon mit der gemeinsamen Schnittmenge. Es ist nämlich das Aufeinanderprallen der charakterlichen Antipole, das den Charme der fränkisch-österreichischen Kooperation ausmacht.

Auf der einen Seite steht Matthias Egersdörfer, der Choleriker vom Dienst. Wenn der Mann aus Franken loslegt, ist nichts und keiner mehr sicher. Vor allem das Publikum nicht, das er mit Herzenslust und aufs Gratewohl beleidigt. Für Konsumenten des gepflegten Fäkalhumors ist er der Produzent Nummer eins.

Matthias Egersdörfer und Martin Puntigam traten als fränkisch-österreichisches Bühnenpaar IM KFZ auf

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Auf der anderen Seite Martin Puntigam. Er ist der sanfte Wortartist des Duos. Wenn er redet, klingt es mitunter wie Poesie und er weiß, sein Sprachtalent sowie seine Vorliebe für hochtrabende Formulierungen ab und an blendend einzusetzen. Allerdings bleiben seine Pointen häufig blass. Über die gesamte Spieldauer steht er im Schatten seines fränkischen Kumpanen.

Das Duo gibt sich auf der Bühne als heilsbringende „salvatores mundi“. Und für männliche Erlöser gehört natürlich die erfolgreiche Partnersuche zum Kerngeschäft. Daher will sich Hobbyangler Egersdörfer statt Forellen endlich mal eine Frau angeln. Im Gegensatz zu den Fischen im See wollen weibliche Geschöpfe in den diversen Bars und Nachtklubs nämlich nicht so richtig anbeißen.

Falscher Köder, falsches Gewässer? Vielleicht liegt es eher daran, dass der Franke Frauen als „Schlitzbrunzen“ bezeichnet. Das ist ein tiefes Schlagloch auf der Straße des Erfolgs. Puntigam soll Abhilfe leisten. Allerdings findet der Flirtcoach im Franken seinen unbelehrbaren Meister.

Der Crash-Kurs verlangt von Egersdörfer nämlich nicht nur akademische Faselei, sondern sieht Handeln vor. Puntigam fordert seinen Schüler auf, eine der „schönen und attraktiven Zuschauerinnen“ zu beglücken. Kurzerhand stiefelt der 47-Jährige durch die Stuhlreihen und sucht sich eine Auserwählte, oder besser: eine Unglückselige aus.

Längen im zweiten Teil

„Ficken, bitte“, poltert er. Die Zuschauerin lehnt das energisch vorgetragene Anliegen schallend lachend und mit wildem Kopfschütteln ab. Anscheinend ist das Sexappeal des Franken nicht so unwiderstehlich wie erhofft.

Teil zwei der Darbietung offenbart eine für derart erfahrene Künstler eklatante Schwäche. Er wirkt monoton. Kein Szenen- oder Tempowechsel. Fast 40 Minuten sitzt das Duo bei Speis und Trank am Tisch und doziert über die Weltrevolution. Egersdörfer mimt den planlosen Revoluzzer, dessen hochtrabende Ideen fürs Weltheil vom kalkulierenden Puntigam der Kleingeistig- und Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Ein letztes Abendmahl mit Augenzwinkern: Denn der angeblich proletarisch gesinnte Erlöser Egersdörfer, aus dem die marxistische Nomenklatur nur so heraussprudelt, entpuppt sich als Weltverbesserer, der in seinem Elfenbeinturm wie die Made im Speck haust. Passend dazu verzehrt der Blender Austern und sündhaft teuren Champagner. Chapeau!

von Uwe Badouin

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