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„Echte“ Menschen und düstere Welten

Johannes-Heisig-Ausstellung im Kunstverein „Echte“ Menschen und düstere Welten

Johannes Heisig ist einer der bekanntesten deutschen Maler der Gegenwart. Am Freitagabend eröffnet der Marburger Kunstverein um 18 Uhr die Ausstellung „Angesicht“ mit Malerei und Zeichnungen des Leipzigers.

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Lena Radtke betrachtet die Porträts im Erdgeschoss. Sie ist zuständig für die Führungen im Kunstverein.

Quelle: Fotos: Uwe Badouin / Barbara H. Klemm

Marburg. Es gibt ein altes deutsches Sprichwort: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Auf Johannes Heisig könnte dies zutreffen. Sein Großvater Walter Heisig war Künstler, sein Vater Bernhard Heisig war einer der bedeutendsten Maler der DDR, international anerkannt, Urvater der berühmten Leipziger Schule. Bernhard Heisig galt als strenger Lehrer, der seinem berühmten Schüler Neo Rauch handwerkliche Mängel vorwarf.

In diesem Umfeld wuchs Johannes Heisig (kleines Foto) auf, der 1953 in Leipzig geboren wurde – übrigens in der Nachbarschaft von Ekkehard Dennewitz, dem ehemaligen Intendanten des Hessischen Landestheaters Marburg. Als Kinder haben sie zusammen Fußball gespielt.

Heute ist Heisig selbst ein international anerkannter Maler, ein ebenso begnadeter wie begehrter Porträtist. Wie sein Vater ist er ein sehr expressiver Maler, sein Werk steht in der Tradition des sozialkritischen Realismus. Immer wieder fließen auch eigene biografische Erfahrungen in die Bilder ein – kein Wunder:

„Ich gehöre der Generation der biografischen Brüche an“, sagte er einmal in einem Interview. Dazu gehört vor allem die Zeit der Wende 1989 bis 1991 – damals war er Rektor der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. „Ich war ja anfangs zum Hoffnungsträger hochstilisiert worden. Das ist immer tödlich“, erinnerte er sich in einem Interview an diese Zeit.

Seine Arbeiten sind in zahlreichen bedeutenden nationalen und internationalen Sammlungen vertreten: in der Nationalgalerie der Staatlichen Museen Berlin, in der Staatsgalerie Stuttgart, im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, im Rheinischen Landesmuseum Bonn, im British Museum London, im Puschkin Museum Moskau, im Dylan Thomas Museum in Wales.

Linda Reisch hält Einführungsvortrag

Er malte Porträts vieler Berühmtheiten: Egon Bahr, Willy Brandt für das German Historical Institute Washington, Johannes Rau und den Musikmanager Fritz Rau für das Lippmann+Rau-Musikarchiv in Eisenach, Peer Steinbrück, Erich Loest und viele andere. Daneben ganz „normale“ Menschen – sein Vater, seine Mutter, Frauen und Männer, Paare, die alle seine „Bildwerdung“ durchlaufen und überstanden haben, wie die Frankfurter Schriftstellerin Eva Demski festhielt.

Auch sie hat er porträtiert, ihr Bild ist in der Ausstellung zu sehen – neben 30 weiteren Porträts im Erdgeschoss des Kunstvereins. Eva Demski wollte ursprünglich in das Werk Heisigs einführen, musste wegen einer Erkrankung aber absagen. Stattdessen wird Linda Reisch, von 1990 bis 1998 Kulturdezernentin in der Museumsstadt Frankfurt, am Freitagabend die Einführung übernehmen.

Keines der Porträts ist geschönt oder geglättet. Dafür sieht der Betrachter Charaktere. Das ist große Porträtkunst. Nur mit sich selbst geht der Künstler offenbar stets sehr streng um: Zufrieden oder glücklich sieht er auf den Bildern nicht aus.

Meisterliche Arrangements

Im Obergeschoss hängen neben der zehnteiligen Lithografie-Serie zu Wagners Tannhäuser vor allem großformatige Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren und gleich vier neue Arbeiten von 2014/15. Und ein Teil seines „Crow“-Zyklus nach Krähen-Gedichten des englischen Dichters Ted Hughes: Es sind düstere Zeichnungen mit Tusche, Kohle, zum Teil mit Grillkohle auf Papier. In ihnen geht es, wie in vielen seiner Arbeiten, um existenzielle Gefühle wie Liebe und Tod. Heisig habe gewünscht, dass diese Arbeiten gezeigt werden, sagte der Kunstvereinsvorsitzende Dr. Gerhard Pätzold.

Meisterlich sind seine expressiven, großformatigen Gemälde mit bisweilen überbordenden Arrangements – in kräftigen Ölfarben auf die Leinwand gebannt wie im apokalyptischen „Lizard King (Wagneriana)“: Menschen, Kulissen, ein gekreuzigter, ein Schwert, die Totenmaske des Komponisten Wagner im Zentrum, daneben ein Zaun, der an ein Konzentrationslager erinnert – und wie Schattenwesen dem Grauen entflohene Häftlinge.

Viele Künstler hätten Probleme, die großzügigen Räume des Kunstvereins alleine zu bespielen. Dies gilt nicht für Johannes Heisig. Der Verein hatte bei weitem nicht genügend Platz, um alle Arbeiten zu hängen, die Heisig nach Marburg geschickt hat: 29 großformatige Arbeiten sind im Obergeschoss des Kunstvereins zu sehen.

  • Die Ausstellung „Angesicht“ von Johannes Heisig wird am Freitag, 13. Februar, um 18 Uhr eröffnet. Sie ist bis zum 9. April zu sehen.

von Uwe Badouin

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