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Durch den Wind

Deutsche Erstaufführung am Landestheater Durch den Wind

Viel Applaus gab es am Samstagabend am Hessischen Landestheater für das Gesellschaftsstück „Durch den Wind“ der Französin Nathalie Fillion.

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Der Philosoph und die lebenskluge Großmama: Sebastian Muskalla als Adel und Christine Reinhardt als Madeleine.Foto: Buseck

Quelle: Christian Buseck

Marburg. Stücke wie „Durch den Wind“ kennt man von deutschen Autoren leider nicht. In Frankreich gibt es das Genre der Gesellschaftskomödie, und viele Stücke schaffen den Weg in die Kinos: Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ etwa, oder „8 Frauen“ von François Ozon.

Auch Nathalie Fillions „Durch den Wind“, das das Hessische Landestheater als deutsche Erstaufführung präsentiert, ist ein solches Gesellschaftsdrama. Mit geschliffenen Dialogen und glaubwürdigen Charakteren paart das Stück Witz und Tragik und wirft einen Blick auf die gebildete obere Pariser Mittelschicht, die sich, sieht man einmal von kulturellen Unterschieden ab, so sehr gar nicht von der deutschen unterscheidet.

Börsencrash beutelt die Mittelschicht

Das Stück spielt in der Zeit um 2008, als die von dubiosen Bankgeschäften ausgelöste Finanzkrise die Mittelschicht erschütterte. Plötzlich sprachen alle Menschen im Umfeld der Schauspielerin, Regisseurin und Autorin Fillion nur noch über Geld. Das war der Auslöser für ihr Stück. In „Durch den Wind“ wird auch viel über Geld gesprochen, über Geld, das man hat, das man hatte, und das nun weg ist. Doch ist dies bei weitem nicht alles. Fillion gelingt mit „Durch den Wind“ das, was Intendant und Regisseur Matthias Faltz als „Schauspielerfutter“ bezeichnet: Sie bringt echte Charaktere auf die Bühne, Menschen des 21. Jahrhunderts, keine Typen, die für etwas stehen sollen - endlich, möchte man als Theaterfan rufen.

Dass das Stück am Landestheater richtig gut funktioniert, liegt auch an dem äußerst spielfreudigen Ensemble, das diesen sehr unterschiedlichen Figuren glaubhaft Gestalt verleiht:

Allen voran begeistern die „Senioren“ Christine Reinhardt und Thomas Streibig als Großelterngeneration. Streibig ist grandios als alter, an Alzheimer erkrankter Mann. Christine Reinhardt spielt pointiert und mitreißend Großmutter Madeleine als lebenskluge, robuste Frau, die so schnell nichts aus der Bahn wirft. Auch nicht ihr depressiver Sohn Jean (Christian Fries), dessen neue Medikamente ihn in ungeahnte Gefühlshöhen schießen, die seine Kinder Julie (Marlene Hoffmann) und Louis (Tom Bartels) und selbst seine jugendliche Geliebte Adeline (Victoria Schmidt) ratlos zurücklassen.

Zu der bunten Pariser Patchworkfamilie, die Nathalie Fillion präsentiert, gehören der Philosophiestudent Adel (Sebastian Muskalla) und die rumänische Ärztin Anca (Irina Ries), die um ihre Schwester im fernen Rumänien bangt. Quasi aus dem Off gibt es noch zwei Ex-Frauen, die sich in Afrika und Asien selbst verwirklichen.

Sie alle sorgen sich um Jean, der sich als richtig netter Kerl entpuppt, sich unter dem Einfluss der Anti-Depressiva allerdings wie ein Mittzwanziger gebärdet. „Peinlich“ findet dies seine junge Freundin. Und Jeans Umgang mit dem Vermögen der Familie sorgt alle. Zudem hat der Finanzcrash die Reserven dezimiert.

Glücklich, dass das Stück in Deutschland funktioniert

Fillion besuchte die Marburger Inszenierung ebenso wie die Übersetzerin Christa Müller vom Deutschen Theater Berlin und Verleger Guido Müller. Fillion sagte nach der Aufführung, Faltz habe eine etwas andere Interpretation auf die Bühne gebracht als sie. Aber sie sei sehr glücklich, dass das Stück in Deutschland funktioniere.

Die Ausstattung ist großartig. Momme Röhrbein hat eine variable Bühnenlandschaft geschaffen, deren weiße Polster an eine Gummizelle erinnern.

Faltz bringt „Durch den Wind“ als kluges Psychogramm auf die Bühne und lässt den Schauspielern glücklicherweise viel Raum. Die danken es ihm und dem Publikum mit einer tollen Ensembleleistung. Es macht über weite Strecken richtig Spaß, diesen acht Menschen, in denen man sich wiedererkennt, und ihren Alltagsproblemen zuzuhören.

Irritierend sind allerdings die vielen choreografischen, von Videoeinspielungen und Minimal-Music untermalten Einschübe, die sich dem Publikum nicht immer als dramaturgisch notwendig erklären und dem Stück ein wenig das Tempo nehmen. Auch Marlene Hoffmanns energischer Monolog unmittelbar vor der Pause irritierte zumindest bei der Premiere die Zuschauer und erwies sich eher als Applausbremse. Beides ist in dem Stück eigentlich so nicht vorgesehen, meinte die Übersetzerin Müller.

Dennoch: „Durch den Wind“ ist eine sehenswerte Produktion, die über 140 Minuten trägt. Und man bedauert, dass deutschen Autoren diese gehobene Form des Boulevards einfach nicht gelingen will.

Zudem präsentiert Faltz dem Publikum vorher ein Bonbon in Form einer Komödie für einen Schauspieler: Sebastian Muskalla darf im Zuschauerraum das tun, was eigentlich völlig verpönt ist: In der Öffentlichkeit, insbesondere im Theater, laut telefonieren. Es geht um Katzen, Urlaub und Missverständnisse - sehr witzig.

  • Weitere Aufführungen sind am Mittwoch, 26. März, sowie am 8., 11., 15. und 26. April.

von Uwe Badouin

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