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Duo stürmt mit Witz durch „Faust I“

Hessisches Landestheater Duo stürmt mit Witz durch „Faust I“

„Faust“ und immer wieder „Faust“: Keine Schule, kein Theater kommt ohne Johann Wolfgang von Goethes große Tragödie aus. Am Hessischen Landestheater ist derzeit „Faust I“ zu sehen - sehr eigenwillig interpretiert von der Fliegenden Volksbühne Frankfurt.

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Philipp Mosetter (links) springt als Gretchen ein, während Michael Quast gewappnet mit Reclam-Heft gekonnt alle anderen Rollen aus „Faust I“ übernimmt. Foto: Fliegende Volksbühne

Marburg. Ach. Ein kleines Wort. Gerade mal drei Buchstaben. Aber bei Goethe steckt so viel in diesem Ach, sein ganzes Leid über seine Angst vor dem anderen Geschlecht etwa, erklärt knochentrocken Philipp Mosetter den Subtext, der in diesem Ach mitschwingt. Mosetter hat auf der nur mit zwei schlichten Stühlen, Tischen und Lampen bestückten Bühne die Rolle des Goethe-Kenners, der weiß, wie man den Gelehrten Faust zu spielen hat. Er ist der Mann für die Fußnoten, der Mann für die Literatur-Geschichte, der Mann für die Erklärungen.

An seiner Seite hockt ein kaum zu bremsender Wirbelwind namens Michael Quast. Der spricht oft im Frankfurter Dialekt alle Rollen - von Faust über Mephisto, Hexen und Waldgeister bis hin zu Stechmücken, Posaunen und Blues-Gitarren. Nur das arme, verführte, verlassene und dem Tod geweihte Gretchen darf er nicht sprechen - das übernimmt Mosetter mit der Grandezza eines Finanzbeamten kurz vor dem Ruhestand. Nur er kann das Ach so betonen, wie Goethe es gemeint hat - leidend an der Welt.

Während Mosetter an dem gut zweistündigen „Faust“-Abend im Landestheater genüsslich eine Flasche Wein leert - so wie sein großes Vorbild Goethe, der angeblich täglich drei geschafft habe und dessen Frau bekanntlich eine Alkoholikerin gewesen sei, greift der quirlige Grimassenschneider Quast zum Mineralwasser. „Da sehen sie mal, was Mineralwasser anrichten kann“, meint Mosetter, als sein Kollege Quast mal wieder himmelweit übers Ziel hinausschießt.

Seit 1999 ist ihr „Faust I“ ein Dauerbrenner auf deutschen Kleinkunst- und Theaterbühnen. Kein Wunder: „Faust I“ ist für deutsche Bildungsbürger, von denen es trotz Pisa- und der vorgestern veröffentlichten OECD-Bildungsstudie für Erwachsene auch im Land des Bildungs-Mittelmaßes noch jede Menge gibt, nichts weniger als das Nationalepos. Und es ist Schulstoff, felsenfest verankert in den Lehrplänen deutscher Gymnasien und - Ach - der Schrecken vieler Schüler.

Letztere können viel lernen in diesen zwei äußerst kurzweiligen „Faust“-Stunden: über Heisenbergs Unschärferelation, die Goethe ebenso vorweggenommen habe wie die Quantenphysik, die Psychoanalyse und die Kunst, Papierflieger zu falten.

Zwar wird so aus der Tragödie eine herzerfrischende Komödie, doch kommen auch Goethe-Kenner nicht zu kurz: Es sei ein Abend, „an dem auch Goethe-Enthusiasten nicht unter ihrem Niveau lachen müssen“, schrieb etwa die Frankfurter Allgemeine über den „Faust“ von Mosetter und Quast.

Das Marburger Publikum klatschte am Dienstagabend ein wenig zu lange: „Das haben sie sich nun selber zuzuschreiben“, drohte Mosetter mit seinem trockenen Witz, nahm mit Quast an den Tischen Platz und begann als Zugabe mit der Tragödie zweiter Teil. Im November sind die beiden, um „Werktreue“ bemühten Darsteller von der Fliegenden Volksbühne Frankfurt wieder mit „Faust I“ zu Gast am Hessischen Landestheater. Weitere Vorstellungen sind am 26., 27. und 28. November, jeweils um 19.30 Uhr.

Karten gibt es an der Theaterkasse in der Galeria Classica; geöffnet werktags von 9 bis 12.30 Uhr und 15 bis 18.30 Uhr sowie samstags von 9 bis 12.30 Uhr. Online-Tickets gibt es unter www.theater-marburg.de.

von Uwe Badouin

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