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Drei Stunden ziemlich schwere Kost

Studenten Sinfonieorchester Drei Stunden ziemlich schwere Kost

Geschenke sollen glücklich machen. Doch manchmal tut der Geber des Guten zu viel - wie das Studenten-Sinfonieorchester Marburg. Und Freude will beim Beschenkten, dem Zuhörer, nicht so recht aufkommen.

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Ulrich Manfred Metzger dirigierte das Studenten-Sinfonieorchester Marburg im Audimax.Foto: Andreas Schmidt

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Übers Ziel hinauszuschießen, ist ein Privileg der Jugend. Und übers Ziel hinausgeschossen ist das Studenten-Sinfonieorchester Marburg (SSO) mit seinem aktuellen Semesterabschlusskonzert am Dienstagabend, das wie immer als Geschenk ans treue Publikum gedacht war. Was nicht heißen soll, dass die jungen Musikerinnen und Musiker sich mit den ausgewählten drei Werken übernommen hatten. Es ist die Programmzusammenstellung, die aus mehreren Gründen nicht ganz geglückt war.

Der Wunsch des Dirigenten Ulrich Manfred Metzger, nach sieben Jahren, die er das SSO leitet, auch einmal zeitgenössische Musik zu spielen, ist in jedem Fall anzuerkennen. Auch dass seine Wahl auf das 1997 in Chicago uraufgeführte Violakonzert der in Hamburg lebenden Exilrussin Sofia Gubaidulina fiel, ist aller Ehren wert.

Allerdings sind die 40 Minuten, die dieses einsätzige Werk dauert, selbst für geübte Konzertgänger eine ziemlich schwere Kost. Metzger und sein Orchester hätten deshalb gut daran getan, es mit leichtgewichtigeren und vor allem deutlich kürzeren Werken zu umgeben. Ein Sinfoniekonzert, das inklusive Pause und zwei Zugaben mehr als drei Stunden dauert, ist mindestens eine halbe Stunde zu lang.

Das „Einspielstück“ wirkte ohnehin wie eine Pflichtübung. Entweder es war zu wenig geprobt worden oder die jungen Musikerinnen und Musiker haben aus möglicherweise pazifistischen Beweggründen keinen rechten Zugang gefunden zu Peter Tschaikowskys „Ouvertüre 1812“. Jedenfalls mussten in diesem tönenden Kriegsgemälde schon vor der finalen Schlacht sowohl Franzosen als auch Russen einige musikalisch so nicht vorgesehenen Ausfälle hinnehmen.

Wagner-Tuben sorgenfür latenten Trauerton

Wie ausgewechselt wirkte das SSO dann in Gubaidulinas Violakonzert. In großer und teilweise ungewöhnlicher Besetzung widmete es sich mit leidenschaftlicher Hingabe den meist kammermusikalischen Herausforderungen des Orchesterparts.

Da erklingt zum Beispiel eine Bassflöte, verleihen die von Richard Wagner für seinen „Ring des Nibelungen“ geschaffenen sogenannten Wagner-Tuben dem Stück einen latenten Trauerton und spielt ein Streichquartett, das seine Instrumente um einen Viertelton tiefer gestimmt hat, eine wichtige Rolle im Dialog mit dem Soloinstrument.

Diesen Part hat Gubaidulina für den bedeutendsten Bratschisten unserer Zeit, ihren Landsmann Yuri Bashmet, komponiert. Die Französin Elizabeth Balmas meisterte die schwierige Aufgabe mit großem, aber auch ungemein fein abgestuftem Ton. Atemberaubend war zu hören, welch ungewohnte Klänge sie dem sonor und warm klingenden Streichinstrument entlockte - auch und gerade in der oft geforderten extrem hohen Lage.

Die Gubaidulinas Musik beherrschende russische Schwermut setzte sich fort nach der Pause in Sergej Rachmaninows zweiter Sinfonie. Ein vorwiegend heiter gestimmtes und vor allem deutlich kürzeres Werk hätte für den nötigen Kontrast gesorgt. Mit einer knappen Stunde Spieldauer war Rachmaninows sinfonisches Meisterwerk zudem viel zu lang, nachdem schon der erste Programmteil mehr als eine Stunde gedauert hatte.

Die Marburger Erstaufführung der 1907 in Dresden komponierten Sinfonie wurde also etwas unter Wert verkauft, so glutvoll das SSO auch unter Metzgers umsichtiger und gleichzeitig fordernder Leitung spielte und nicht mit eindringlichen Soli geizte - hervorzuheben das Klarinettensolo im grandiosen Liebesgesang des dritten Satzes.

Nach dem karnevalesken Finale ruhten die 800 Zuhörer nicht, bis das Orchester seine schon traditionelle Filmmusik-Zugabe spielte - diesmal von John Williams den Soundtrack zu „Indiana Jones und der Tempel des Todes“.

Das SSO wiederholt sein Konzert am Samstag, 15. Februar, im Audimax. Beginn ist dann bereits um 18 Uhr.

von Michael Arndt

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