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Drei Stunden können sehr lang werden

ozart-Premiere in Gießen Drei Stunden können sehr lang werden

Die Ankündigung weckte berechtigte Hoffnungen auf einen großen Opernabend. Denn mit Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ startete das Stadttheater am Samstag in die Musiktheatersaison. Doch es ging nicht auf.

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Regisseur Benjamin Schad und Bühnenbildner Stephan Rinke lassen die Darsteller vor einer kargen biedermeierlichen Kulisse agieren. Foto: Rolf K. Wegst

Quelle: rolf k. wegst

Gießen. Als der letzte Vorhang nach knapp drei Stunden fiel, waren die hoffnungsvollen Erwartungen der Ernüchterung gewichen. An der Musik des Philharmonischen Orchesters unter der Leitung von Generalmusikdirektor Michael Hofstetter lag das nicht. Auch nicht am Chor oder der Leistung der Solisten, die sich überwiegend glänzend schlugen und am Ende kräftigen Beifall bekamen.

Zutiefst ernüchternd war vielmehr das Gesamtkonzept der Inszenierung von Regisseur Benjamin Schad, der Mozarts berühmtes und 1782 uraufgeführtes Singspiel als puristisches Kammerspiel auf die Bühne bringt. Konkret bedeutet das, dass Schad, 2012 mit dem Götz-Friedrich-Regiepreis ausgezeichnet, den Fokus auf die psychische Situation und Entwicklung der Figuren und damit vor allem auf den Gesang richtet. Grundsätzlich ist das keine schlechte Idee, die jedoch an ihrer rigorosen Umsetzung scheitert.

Der Reihe nach und angefangen beim Bühnenbild von Stephan Rinke. Er lässt zunächst vor einem Vorhang auf der Vorbühne spielen, bevor sich die Bühne weitet zu einem Raum mit dunkler Holzverschalung und kleinen Lampen, der Assoziationen zu biedermeierlicher Enge des 19. Jahrhunderts weckt. Und jede Menge Fragen aufwirft: Wozu ist diese Kulisse gut? Soll sie die Aufmerksamkeit durch ihre Neutralität bewusst auf die Sänger lenken? Dann hätte auch die nackte Rampe ausgereicht.

Auch die Kostüme von Lukas Noll weisen eine ganz ähnliche Tendenz auf. Denn Noll steckt die Akteure vorwiegend in zeitlose, gehobene Alltagsbekleidung. Warum? Soll durch Schlichtheit Zeitlosigkeit erreicht werden? Das Resultat ist aber, dass rein visuell keinerlei Atmosphäre oder Stimmung aufkommt, sondern Langeweile.

Verstärkt wird der Effekt durch lähmende Bewegungslosigkeit. Pointiert gesagt: Es passiert nichts auf der Bühne. Man steht, man wandelt, man singt – mehr ist nicht. Abgesehen von einigen Choreografien, deren Sinn sich nicht unmittelbar erschließt und am Premierenabend einen Zuschauer zum lautstarken Kommentar veranlasste, dass das Ganze zur Turnstunde ausarte. Drei Stunden Mozart können sehr sehr lang sein.

Aber es gab auch Lichtblicke wie Hofstetter und die Seinen, auf die wie gewohnt hundertprozentig Verlass ist. Hochkonzentriert und ohne Fehl und Tadel ließ das Orchester Mozarts vielseitige und farbenfrohe Musik aus dem Graben perlen. Kein Wunder, dass es am Ende stürmischen Beifall gab, auch für den Chor unter der Leitung von Jan Hoffmann, der mit seinen Leuten ebenfalls zu den festen Bänken des Stadttheaters gehört. Glänzend aufgelegt waren auch die Solisten, die sich ausnahmslos hervorragend schlugen.

Das Fazit: Wäre der Samstagabend als konzertante Aufführung arrangiert und angekündigt gewesen, hätte er zu einem Triumphzug werden können. War er aber nicht. Auf dem Programm stand eine ausgewachsene Operninszenierung und die überzeugt nicht.

Weitere Vorstellungen sind am 5. und 17. Oktober, 14. November, 12. Dezember, 11. und 24. Januar und 6. Februar um 19.30 Uhr und am 26. Oktober um 15 Uhr im Großen Haus.

von Stephan Scholz

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