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Drei Stunden höchste Konzentration

Konzertverein Drei Stunden höchste Konzentration

Große Namen wie der renommierte Pianist Martin Stadtfeld erlebt man ­selten in Marburg. Bereits zum dritten Mal war er zu Gast beim Konzertverein und lobte im Gespräch das fachkundige Marburger Publikum.

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Der Pianist Martin Stadtfeld begeisterte das Marburger Publikum mit Werken von Bach.

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Martin Stadtfeld, Marburg und Bach scheint eine gute Kombination zu sein. Alle seiner drei Auftritte bestritt der Pianist mit Werken des Großmeisters. Sein Debüt 2007 gab es 2007 mit den Goldberg-Variationen, für dessen Aufnahme Stadtfeld mit dem Klassik-Echo ausgezeichnet wurde. 2010 kam Stadtfeld erneut nach Marburg – dieses Mal mit dem Wohltemperierten Klavier Teil I. Am Sonntag präsentierte er nun den zweiten Teil, der im Gegensatz zum ersten Teil nicht auf CD erhältlich ist. Eine Aufnahme ist anscheinend vorerst nicht geplant.

Es war einer der großen Abende dieser Saison, an denen der Konzertverein sein Publikum herausfordert. Knapp vier Stunden dauerte das Konzert, allerdings zählte dazu auch eine Pause von einer guten Stunde, die aber allen – dem Musiker und den Zuhörern – auch ganz gut tat.

„Es berührt mich sofort“

Wie im ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers sind auch hier 24 Stücke, bestehend aus Präludien und Fuge, in allen Dur- und Moll-Tonarten aneinandergereiht. Die gleichberechtigte Behandlung der Tonarten war bis dahin unüblich. Von Komponisten wie Mozart, Beethoven oder Schumann wurde das Werk mit seiner strengen Anlage und Vielfalt hochgeschätzt. Durch die dem Programmheft beigelegte Aufreihung der Fugenmotive konnte das Publikum das imitatorischen Prinzip der Fugen sehr gut verfolgen.

Auch Martin Stadtfeld schwärmte im Gespräch vom Wohltemperierten Klavier: „Es ist immer wieder die größte Musik für mich – es berührt mich sofort.“ Vom ersten Ton an schien der Pianist in die Welt der Musik einzutauchen und übertrug die Stimmungen der jeweiligen Stücke sehr gefühlvoll. Mit kraftvollem Anschlag spielte er selbst schnelle Stücke und wirkte dabei dennoch völlig ruhig.

Ausgenommen war dabei sein rechtes Bein, das ständig auf dem Pedal wippte. Mit diesem „Vibratopedal“, wie Stadtfeld es nennt, habe er die Möglichkeit, die Töne gleichmäßig mit dem Vibrato zu versehen, erzählte er nach dem Konzert. Diese Methode sei eine Erfindung von ihm, fügte er hinzu: „Das hat sich so ergeben.“ Dazu saß Stadtfeld auf einem sehr niedrig eingestellten Hocker, den er selbst mitgebracht hatte. „Der begleitet mich überall hin“, sagte er.

Zu langsam für eine CD

Selten sieht man im Konzertsaal Zuhörer in mitgebrachten Noten lesen. Vereinzelt konnte man solche Besucher am Sonntag im Audimax ausmachen. Sie werden wohl besonders erstaunt gewesen sein, wie sehr der Pianist das große Bach’sche Werk in seiner eigenen Weise interpretierte. Werke wie das dis-Moll-Präludium spielte er äußerst schnell, und dabei ungeheuer exakt.

Andere Stücke, wie die b-Moll-Fuge interpretierte er dagegen extrem langsam. „So langsam habe ich die noch nie gespielt. Ich hatte einfach Lust dazu“, berichtete Stadtfeld und ergänzte: „So langsam könnte man sie auf CD nicht spielen.“ Er schätze Live-Konzerte ganz besonders, sagte der Weltstar. Das Tempo, in dem er die Werke spiele, ergebe sich für ihn erst im Moment des Konzerts und sei eine spontane Entscheidung, bei der er auch das Publikum berücksichtige.

Für das Marburger Publikum hatte er viel Lob. Es sei sehr interessiert, offen und fachkundig. Er fühle sich dem Konzertverein sehr verbunden. An die alte Stadthalle könne er sich gut erinnern, aber auch die Akustik des Audimax gefalle ihm sehr gut. Ob er auch in der neuen Stadthalle zu erleben sein wird? „Ganz bestimmt“, antwortete Stadtfeld, „ich komme sehr gerne wieder“.

von Mareike Bader

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