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Drei Engel fürs Chaos

„Demut vor deinen Taten, Baby“ am Hessisches Landestheater Drei Engel fürs Chaos

Magz Barrawasser überzeugt bei ihrem Regiedebüt am Hessischen Landestheater mit dem zeitgenössischen Stück von Laura Naumann, das sich als bissige und rasante 
Satire entpuppt.

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es wieder krachen

Waffen aus Luftballons stehen bei „Demut vor deinen Taten, Baby“ als Zeichen für das kindische und unreife Verhalten der drei Protagonistinnen.

Quelle: Neven Allgeier

Marburg. Der Applaus in der ausverkauften BlackBox scheint nicht mehr abreißen zu wollen. Als die Premiere über die Bühne ist, klatschen die Zuschauer fast fünf Minuten lang. Sechs Mal muss das Schauspielerinnen-Trio wieder auf die Bühne und sich verneigen – redlich verdient. Denn Lisa-Marie Gerl, Victoria Schmidt und Johanna Franke überzeugten auf ganzer Linie.

Kann man andere Menschen zu ihrem Glück zwingen? Sind Utopien von einer besseren Welt nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt? Das sind die Fragen, um die sich „Demut vor deinen Taten, Baby“ von der Autorin Laura Naumann 
dreht, das 2012 uraufgeführt wurde.

Schlechtes tun, 
um Gutes zu bewirken

Drei sich bis dahin unbekannte Frauen, überleben Klotür an Klotür einen fehlgeschlagenen Terroranschlag. Mit dem euphorischen Gefühl, dem Tod von der Schippe gesprungen zu sein, will das Trio nun auch andere Menschen beglücken. Die drei erklären sich zu den Rettern ihrer Mitmenschen vor deren tristen Alltag. Sich selber sehen die Frauen quasi als „Drei Engel für Charlie“.

Ob überhaupt jemand gerettet werden will, fragen sie nicht und schreiten ignorant zur Tat. Mit Spielzeugwaffen aus Luftballons und Konfetti-Platzpatronen verbreitet das Trio bei vermeintlichen Terrorakten Todesangst, nur um letztlich „April! April!“ zu rufen. Schlechtes tun, um Gutes zu bewirken. Doch wie viel Veränderung verträgt eine Gesellschaft?

Rund 70 Minuten dauert das Stück, und es hätte nicht viel länger sein dürfen. Das Tempo ist nämlich geradezu rasant und Verschnaufpausen sind selten. Eine langatmige Exposition ist Fehlanzeige. Lediglich fünf Minuten stellen sich die Frauen dem Publikum vor wie in einer Gruppentherapie. Dann geht es ans Eingemachte.

Suche nach Lebenssinn und Zuneigung

„Das Stück ist wie ein Spielplatz, auf dem es für die Schauspielerinnen viel Platz zum Austoben gibt“, meint Magz Barrawasser, bis dato als Regieassistentin am Landestheater tätig. Ihr Regiedebüt in Marburg macht Lust auf mehr. Ebenso gelungen ist das rustikale Bühnenbild von Tobias Maurer: Sein Allzweck-Podest – Toilette, Wohnzimmer mit Telefon und Blumenvase – passt prächtig zum Ad-hoc-Charakter der „Terroristinnen“.

Einen Terroranschlag überlebt zu haben, ist nicht die einzige Gemeinsamkeit der drei Frauen. Die 26-jährige Laura Naumann widmet sich mit ihrer Satire Themen wie Enttäuschung und der Suche nach Lebenssinn und Zuneigung. Dafür lässt sie drei völlig unterschiedliche Charaktere aufeinanderprallen – Chaos vorprogrammiert.

Lisa-Marie Gerl überzeugt als impulsive und krakeelende Rebellin, die ihrer dominanten Mutter die Feindschaft erklärt hat. Victoria Schmidt meistert die Rolle der vereinsamten Einzelgängerin mit Bravour, und auch Gastschauspielerin Johanna Franke überzeugt als naives und devotes Nesthäkchen, das sich nach einem gutbürgerlichen Leben sehnt.

„Ich denke, das Stück dreht sich auch um Freundschaft und Boshaftigkeit“, meint Victoria Schmidt. Es dauert nämlich nicht lange, bis sich erste Risse im Gebälk der dreiköpfigen Schicksals- und Zweckgemeinschaft zeigen. Zickereien und 
Gehässigkeiten mehren sich, bis es im Showdown zum Kollaps kommt.

  • Die nächsten Vorstellungen finden am Donnerstag, Sonntag und am 24. April statt.

von Benjamin Kaiser

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