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„Draußen wimmelt es vor Idioten“

Henning Venske im KFZ „Draußen wimmelt es vor Idioten“

Eigentlich ist „Es war mir ein Vergnügen“ eine Autobiografie. Das hinderte Henning Venske am Freitag im KFZ aber nicht daran, im gleichnamigen Programm nicht nur über sich, sondern über andere sowie Gott und die Welt zu reden.

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Mit 76 Jahren ist Henning Venske nach wie vor als streitbarer Kabarettist auf deutschen Kleinkunstbühnen unterwegs.Collage: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Er ist studierter Germanist und ausgebildeter Schauspieler. Er hat mit Samuel Beckett gearbeitet und Bücher über Wirtschaftskriminalität geschrieben, ist in der Sesamstraße aufgetreten und im Tatort, war Mitglied der „Lach- und Schießgesellschaft“ und Chefredakteur der Satire-Zeitschrift „Pardon“. In einem Alter, in dem andere sich aufs Kreuzworträtsellösen verlegen, tourt er weiter durch die Republik und ist mit 76 ganz der streitbare Kabarettist geblieben, der er immer war.

„Raketen-Uschi“ und andere Politiker, die sich verbal aufführen wie „Testosteron-gesteuerte Schulhofschläger“, Quiz-Show-Kandidaten, die „Golgatha“ für eine Zahnpasta halten, oder „Schreckensweiber“ im Dschungelcamp - sie alle haben im Gegensatz zu Venskes Publikum nichts zu lachen.

Die Grenzen der Satire

Da stellt sich für Venske dann auch die Frage, ob es schlimmer ist, von Russland angegriffen oder von Ursula von der Leyen verteidigt zu werden. Und ob Flüchtlinge nicht vielleicht in ehemaligen Bergwerken im Ruhrpott untergebracht werden könnten, wo sie es nach dem Kriegslärm schön ruhig hätten. „Aber - ist das noch Satire?“, fragt Venske selbst.

Aber alles der Reihe nach. Erst einmal gibt es nämlich eine „Ouvertüre“, in der der Kabarettist sich als ein Doktor mit Doppelname, auch „der Gusseiserne“ genannt vorstellt, seines Zeichens „linksradikaler Kleinkunstkünstler“, allerdings inzwischen als Trendforscher tätig.

Niveau solle bitte keiner erwarten - das sei nur eine Ausrede für miese Pointen. Für „Deutschland sucht den Superdichter“ hat er etwas geschrieben, ebenso einen Frauenroman. Da muss er noch an den Charakteren arbeiten, gesteht er nach einer Kostprobe. Seine eigentliche Stärke: die Krimigroteske. Aber danach wird über Kultur geredet.

Das Problem ist nur, dass es davon nicht mehr viel zu geben scheint. In einer Gesellschaft, in der der Nobelpreis 30 Sekunden Sendezeit in der Tagesschau bekommt, und man für die „Goldene Kamera“ drei Stunden Sendezeit verplempert. Auch sonst sieht Henning Venske eher schwarz.

Die Universalantwort auf alle Fragen

Im Szenario, das er für das Jahr 2039 entwirft, ist Angela Merkel jedenfalls nur noch Sättigungsbeilagen-Beauftragte in der Kantine, die SPD hat noch 22 Mitglieder, die in einem ehemaligen Tierheim in Käfighaltung leben, und selbst Migranten aus Burkina Faso lehnen eine Migration ab. Immerhin - das Klima erholt sich, die Luft aus Fahrradreifen kann man wieder atmen.

Was nehmen die Zuschauer aus diesem Abend mit? In jedem Fall die Universalantwort auf alle nur möglichen Fragen, nämlich „Ja, das ist ein strukturelles Problem, da gibt es keine einfachen Lösungen“. Venske warnt das Publikum vor dem Verlassen des Saals, es solle vorsichtig sein auf dem Heimweg - „draußen wimmelt es vor Idioten“.

Und nicht, dass er nicht mit frenetischem Jubel gerechnet hätte, kommentiert er den freundlichen Schlussapplaus in Marburg und serviert als Zugabe eine Geschichte von seinem Opa, der in der Landesheilanstalt Schleswig landete, nachdem die Tochter heimlich dessen Schubladen geöffnet und er mit einem Küchenmesser auf sie losgegangen war. Wann immer Venske selbst nun wütend wird, hält er sich also lieber von Küchenmessern fern.

von Nadja Schwarzwäller

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