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Drama von erschreckender Aktualität

Theater-Ag der Elisabethschule Drama von erschreckender Aktualität

Der Theater-AG der Elisabethschule ist es gelungen, dem alten Camus-Stück "Die Gerechten" Aktualität zu verleihen, das Publikum mit verstörenden Momenten und direkter Ansprache einzubeziehen und Denkanstöße zu geben.

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Sekunden vor dem geplanten Anschlag schauen die Revolutionäre auf die Straße und erwarten die Explosion.Foto: Schubert

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Gespannt wartete das Publikum am Ende, was nun passieren würde. Von der Live-Kamera fokussiert und auf die Leinwand projiziert sah man einen digitalen Countdownzähler rückwärts laufen, zehn Sekunden lang von einer Klaviertaste akustisch begleitet, die letzten zehn Sekunden in Stille. Aufatmen, als der Zähler bei der Ziffer 1 stehen blieb, und vereinzelt erleichtertes Auflachen.

Zuvor hatte es einige, angemessen sparsam eingesetzte Geräuschattacken gegeben. Die Bombenexplosion beim Attentat mit anschließender Panik zum Beispiel. Oder einen Peitschenschlag, dem markerschütterndes Gebrüll folgte; mehr brauchte es nicht, um intensive Vorstellungen von einem gefolterten Gefangenen zu erzeugen.

Albert Camus hatte 1949 in „Die Gerechten“ den Gewissenskonflikt aus dem eigenen Kampf in der Résistance gegen die deutsche Besatzung in die Vergangenheit und ein anderes Land übertragen, auf die Ermordung eines russischen Großfürsten durch Anarchisten im Jahre 1905.

Die Theater-AG der Elisabethschule Marburg unter Leitung von Dr. Tobias Purtauf strich alle historischen Anknüpfungen, holte das Stück in die deutsche und globalisierte Gegenwart, ergänzte es um zusätzliches Textmaterial, beispielsweise Originalzitate der RAF oder aus dem Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ sowie Liedtexte. Songs wie „Nur noch kurz die Welt retten“ von Tim Bendzko schufen eine ironische Brechung, an anderen Stellen erklangen Tracy Chapmans „Talkin‘ Bout a Revolution“ oder John Lennons „Give Peace a Chance“.

Zudem hatte Henri Heiland für jeden Hauptcharakter eine eigene Melodie komponiert. Er begleitete am Klavier gemeinsam mit Violinistin Celine Lolo Mbutocho die Aufführung und bot so eine wirksame Unterstützung für das Drama. Auch der Einsatz einer Live-Kamera half bei der Intensivierung durch zusätzliche Fokussierung bestimmter Szenen.

Zum Auslöser für den Konflikt innerhalb der Terroristengruppe, für Diskussionen über die Grundsatzfrage, ob der politische Zweck jedes Mittel heiligt, wird das Misslingen des ersten Attentatsversuchs. Zwischendurch verlagert sich das Spiel in die Zuschauerreihen, einer fragt: „Wo kommen deine Kleider her?“. Abrechnung mit den Alt-68ern klingt an: Am Ende landen alle Revoluzzer im Nadelstreifenanzug. Und heute? Es gibt keinen „Gefällt-mir-nicht-Button“ oder die Revolution als App.

Am Ende des knapp zweistündigen, ohne Pause durchgezogenen Spiels spendeten die etwa 150 Premierenzuschauer den 20 Akteuren viel Applaus für den intensiven Theaterabend.

von Manfred Schubert

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