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Diese Vergangenheit ist nie vorüber

OP-Buchtipp: Olivier Troc: „40 Tage Nacht“ Diese Vergangenheit ist nie vorüber

Die Zeit zwischen 11.14 Uhr und 11.41 Uhr kann ganz schön intensiv genutzt werden, erst recht, wenn in diesem Zeitfenster nach 40 Tagen Dunkelheit wieder die Sonne zu sehen ist.

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40 Tage nur Kälte, Schnee und Dunkelheit und künstliche Lichtquellen. Kurz vor dem ersten Sonnenstrahl passiert im beschaulichen Kautokeino in Lappland ein Verbrechen.

Quelle: Archivfoto

Durchgehend, also 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, insgesamt 40 Tage am Stück Kälte pur in einer scheinbar nie enden wollenden Dunkelheit. Dazu ausschließlich schneebedeckte Landschaften, bis zum Horizont und darüber hinaus. Das ist Lappland, ein Gebiet, das sich unterhalb des Nordkaps über Norwegen, Schweden und Finnland erstreckt.

Auf norwegischem Gebiet liegt der Ort Kautokeino mit 3000 menschlichen Ein­wohnern und rund 100.000 Rentieren. So weit ab vom Schuss, hat der Ort seit 1996 dennoch etwas einzigartiges zu bieten, nämlich ein echtes Schneemobil-Drive-in-Kino während des Samischen-Film-Festivals. So viel zum „Setting“ eines bemerkenswerten Krimis aus der Feder des Franzosen und Wahlschweden Olivier Truc.

Gegenwart. Es ist der 10. Januar und alle Menschen sehnen den nächsten Tag herbei, an dem sich endlich nach 40 Tagen Dunkelheit für eine halbe Stunde die Sonne zeigen wird. Klemet und Nina versehen derweil ihren Außendienst bei der Polizei.

Klemet Nango ist Norweger, aber auch Same. Das heißt, er gehört jenem Volk an, das in den vergangenen Jahrhunderten von Norwegern, Schweden und Finnen gleichermaßen ausgenutzt wurde und deren Nachfahren auch heute noch als Außenseiter in der Gesellschaft gelten.

Diebstahl im Museum

Klemet versucht diese Tatsache zu umschiffen, indem er sich in den Dienst der Allgemeinheit stellt, doch von seinen Kollegen wird er gemobbt, von den stolzen Samen wird er hingegen nicht mehr wirklich als einer der ihren anerkannt. Nina ist seine neue Streifen-Partnerin, eine junge Polizistin, frisch von der Schule. Ihr bleibt kaum Zeit, sich an den ersten richtigen Job zu gewöhnen, wo man weit mehr mit verirrten Rentieren als mit irgendwelchen Verbrechen zu tun bekommt.

Denn kaum, dass sie ihr Revier kennenlernt, gibt es auch schon ein für Lappland unfassbares Verbrechen aufzuklären: Aus dem Museum wurde eine kostbare samische Trommel entwendet. Als kurze Zeit später ein Rentierhirte brutal ermordet aufgefunden wird, beginnt für Klemet dienstlich eine neue Zeitrechnung.

Welch’ Glück, dass er ausgerechnet jetzt Nina an seiner Seite hat. Denn Nina ist Praktikerin, sie ermittelt und stellt die richtigen Fragen, während sich Klemet als Same auf der einen und als abtrünniger Same auf der anderen Seite immer wieder hin- und hergerissen fühlt und dabei mitunter vergisst, die richtigen Fragen zu stellen. Dabei bemerkt er mehr und mehr, dass Nina keinen Ballast für ihn bedeutet, sondern eher ein echter Glücksfall ist.

Logische und konsequente Story

Und so wächst das ungleiche Paar in kurzer Zeit zu einem gutem Team heran, das sich einer wahrlich schwierigen Aufgabe stellen muss. Denn die Verbrechen führen weit zurück in die Geschichte der unterdrückten Samen. Und nur wer sich dort auskennt, kann auch dort den Schlüssel zur Aufklärung der Verbrechen erkennen.

Olivier Troc weiß, worüber er schreibt. Er hat ordentlich recherchiert und zeigt großes Interesse an der Geschichte der Samen. Dazu gelingt es ihm, die besondere Atmosphäre in der kalten, rauen, aber doch irgendwie erfahrenswerten Finnmark darzustellen.

Die handelnden Personen sind dort wirklich zu Hause – oder sind eben die Fremdkörper, die dieses Land, dessen Menschen und deren Lebensweise aus verschiedenen Gründen bedrohen. Die Story ist logisch und konsequent aufgebaut, auch wenn es zum Ende zu mitunter zu schnell geht und die eine oder andere Frage, die der Leser gerne noch geklärt haben möchte, irgendwie untergeht.

Das schadet aber nicht dem Gesamtlesevergnügen. Denn letztendlich geht es bei der Aufklärungsarbeit fast mehr um das „Warum“ als um den Täter selbst. Warum also wurde diese Trommel gestohlen? Und warum musste der Rentierhirt sterben? Zwei spannende Fragen, eine Lösung?

  • Olivier Troc: „40 Tage Nacht“, Droemer-Verlag, gebundene Ausgabe 19,99 Euro.

von Götz Schaub

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