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Die perfekte Unvollkommenheit

„Circus Convoy Exceptionell“ Die perfekte Unvollkommenheit

Er ist klein und ungewöhnlich: Der „Circus Convoy Exceptionell“ macht zum zweiten Mal auf dem Waggonhallengelände Station. Das Programm heißt „Am Anfang war das Nichts“.

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Ganz nah an den Artisten hockt das Publikum im kleinen „Circus Convoy Exceptionell“. Nicht nur der Hund zaubert ein Lächeln in die Gesichter der Zuschauer.

Quelle: Freya Altmüller

Marburg. Marias Fuß in gepunktetem Gummistiefel flippt unkontrolliert zurück. „Il Direttore“, der Direktor, ist nicht aufzufinden. Das Publikum wartet schon auf Einlass. „Wir lassen uns einfach nichts anmerken“, schlägt James vor. Die Truppe verschwindet durch einen samtenen Vorhang ins Zirkuszelt, der Eingang in das Reich des „Circus Convoy Exceptionell“: Vier Männer, zwei Frauen und ein Hund reisen mit alten Lkws, zwei Kleinkindern und Oma als Babysitter durch die Lande.

Marburg statten sie mit dem kleinen Zirkuszelt bis Sonntag bereits zum zweiten Mal einen Besuch ab, dieses Jahr mit zwei neuen Mitgliedern. Bei der Premiere am Freitag verkauften die Artisten in der Pause Kaffee und Süßes, statt Eintrittskarten gab es eine Hutkasse.

Auch in der Show läuft einiges anders als gewohnt, denn was sollen die Artisten ohne ihren Direktor machen? Da fällt nach reichlicher und für das Publikum gut hörbarer Diskussion der Kapellmeister aus dem Vorhang. Er soll den Direttore mimen und fidelt sich mit seiner Geige an die Zuschauer heran. „Bist du eine kleine Turteltaube?“, fragt er eine Frau mit 
Dreadlocks.

Einbeziehung des Publikums sorgt für Nähe

Der Auftritt von James und Giacomo in rosafarbenen Tütüs 
wird durch Maria beendet, die ihren Kopf nicht mehr aus 
einem Topf bekommt und das Publikum um Hilfe bittet. Als sie befreit ist, entdeckt sie am Zirkuszelt-Himmel einen Hoffnungsschimmer: Den Diret­tore! Er hängt von der Decke herab, leider etwas leblos. Auch Marias Küsse und die Wiederbelebungsversuche mit zwei Bügeleisen als Defibrillator wollen ihn nicht wieder auferstehen lassen. Aus seinem roten Sessel darf er trotzdem zuschauen.

Nicht nur die Enge des kleinen Zirkuszeltes, das dicht 
 gedrängt 100 Zuschauern Platz bietet, sondern auch die Einbeziehung des Publikums 
sorgen für eine Nähe zu den 
Darstellern. Hinter den Kulissen ist hier oft vor den Kulissen. Als Clown Bob mit Moped und Anhänger in die Manege gefahren ist, wedelt er wegen des 
Gestanks danach mit der Hand vor seiner Nase und sagt entschuldigend: „Es ist nur für die Show.“

Danach streitet er sich mit Kapellmeister Jacques darüber, wie der Teppich richtig auszurollen sei und lässt es schließlich seinen Hund mit der Schnauze machen. Als er mit seinem Hut spielt, wird der ihm vom Vierbeiner geklaut, der danach wieder im Moped-Anhänger verschwindet und aus eisblauen Augen unschuldig aus dem Fenster schaut.

Lust an der Improvisation

„Der Hund hat ihn dir weggenommen“, ruft ihm eins der Kinder im Publikum zu, die sich bei derlei Einlagen vor Lachen kaum auf den Holzbänken halten können. „Würdet ihr bitte so tun, als ob nichts passiert wäre?“, fragt Bob die kleine Kapelle, die daraufhin in ein Liedchen einstimmt.

Die Lust an der Improvisation zeigt sich auch an den selbst 
gebastelten Instrumenten, die der in sich gekehrte Giacomo 
auffährt. Er pustet in Bierflaschen mit unterschiedlicher Füllhöhe und bringt Gläser zum Klingen. Die Show wechselt von Tief- zu Hochstapelei, wenn Giacomo theatralisch verkündet: „Wolfgang Amadeus Mozart, Eine kleine Nachtmusik, heute von mir für Sie einhändig vorgetragen“, und dann mit einem Hammer auf einem Xylophon aus Schraubenschlüsseln zu spielen beginnt.

Clown Bob hingegen gibt den zittrigen Seiltänzer, der plötzlich, als er das Publikum zu Ruhe ermahnt, auch ganz still stehen kann. Er macht einen Überschlag, beim zweiten Mal klappt der Handstand. Der Fehler ist hier einkalkuliert, das kreative Chaos Berechnung – und das ist es, was den Reiz der Show ausmacht: perfekte Unvollkommenheit.

Weitere Aufführungen im kleinen Theaterzelt sind am Mittwoch, Donnerstag und Freitag um 20 Uhr sowie am Sonntag um 11 und 19 Uhr.

von Freya Altmüller

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