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Die leise Freude in der Melancholie

William Fitzsimmons im KFZ Die leise Freude in der Melancholie

Schelmische Ironie, trockener Witz, tragische Lieder und ganz viel Gefühl. Sieben Jahre ist es her, dass William Fitzsimmons Marburg besuchte. In dieser Zeit hat er seinen eigenen Stil perfektioniert.

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Gitarre und Mikro – mehr braucht es manchmal nicht, um die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen.

Quelle: Dennis Siepmann

Marburg. Ein einzelner Lichtstrahl bahnt sich seinen Weg durch die Dunkelheit und erleuchtet den bärtigen Mann auf der Bühne, der die Gitarre so vorsichtig spielt, als seien deren Saiten aus Spinnfäden. Sein Gesang ist ein Flüstern – und dennoch erfüllt es den gesamten Raum. Für das erste Lied braucht William Fitzsimmons kein Mikrophon und keine Boxen die seine Stimme künstlich verstärken.

Die Stille im Publikum, das dicht an dicht im ausverkauften KFZ steht, wird zu seinem Verbündeten. Als der letzte Ton ganz langsam im Konzertsaal verklungen ist, bricht es aus den Zuhörern heraus, die die ganze Zeit nahezu bewegungslos in Andacht gelauscht haben. Mit dem Pfeifen, Rufen und Klatschen wird erst klar, wie viele Menschen sich tatsächlich eingefunden haben, um den Singer-Songwriter und seine beiden Mitmusiker auf der Marburger Bühne zu sehen.

Schelmische Ironie, trockener Witz, tragische Lieder und ganz viel Gefühl. Sieben Jahre ist es her, dass William Fitzsimmons Marburg besuchte. In dieser Zeit hat er seinen eigenen Stil perfektioniert.

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Im vergangenen Jahr sei viel in seinem Leben passiert, sagt Fitzsimmons. Unter anderem habe er erfahren, dass sein Vater adoptiert wurde. Vor kurzem habe er dann zum ersten Mal die leibliche Verwandtschaft seines Vaters kennengelernt. Für ihn ein „merkwürdiges Gefühl“. Fitzsimmons erzählt, dass er selbst zwei Töchter adoptiert hat: die eine ein Jahr, die andere drei Jahre alt. Sie seien „awful human beings“, also ganz furchtbare Menschen.

Es ist wahrlich keine einfache Sache, einerseits vor Publikum über sehr private Dinge zu sprechen und andererseits über diese intime Situation eine gelöste Atmosphäre zu legen, bei der auch Witze über die eigenen Kinder erlaubt sind. Fitzsimmons beherrscht diese Gratwanderung perfekt. Immer wenn die Melancholie überhand zu nehmen droht, beweist der US-Amerikaner sein humoristisches Talent.

Seine Songs seien sogar für ihn selbst zu depressiv und nach den gefühlt fünf langsamsten Liedern aus seinem Repertoire gibt Fitzsimmons die Information, dass dies nun der rockige Teil seines Auftritts gewesen sei. Eine, wie er sagt, „schlechte Seite“ offenbart sich wenig später, als er plötzlich „I want it that way“ von den Backstreet Boys anstimmt. Auch Katy Perrys „I kissed a girl“ wird von Fitzsimmons „verfolkt“ um schließlich mit der Menge „Sweet home Alabama“ anzustimmen. Lächerlich macht er sich damit nicht.

Ein paar Lieder mehr sind natürlich okay

Überhaupt scheint er an diesem Abend über jeden Zweifel erhaben. Äußerlich der Prototyp eines bärtigen Hipsters überzeugt er mit einer Art freudigem Wehmut und erzählt über seine musikalische Früherziehung. Geprägt durch seine bereits verstorbene Großmutter – „einer begabten Sängerin, aber schrecklichen Musikerin“ – eiferte er ihrer Leidenschaft für Musik bis heute nach. Sein neustes Werk, die sieben Titel umfassende EP „Pittsburgh“ ist ein privates Zeugnis seiner Familiengeschichte, das er seiner Großmutter gewidmet hat.

Die Zugabe spielt Fitzsimmons dann standesgemäß inmitten der Zuschauer. Vorher fragt er aber noch, ob ein paar Lieder mehr okay seien, denn schließlich müsse ja nahezu jeder Deutsche ständig irgendwo einen Zug erwischen.

All dieser Witz kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Fitzsimmons ein begnadeter Musiker ist, der das Talent besitzt, die Zuschauer in eine Vielzahl verschiedenster Stimmungen zu versetzen. Als Beweis bleibt am diesen Abend der Blick in die Gesichter des Publikums, die mal lächeln, mal verträumt dreinschauen oder einfach nur mit geschlossenen Augen genießen.

von Dennis Siepmann

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