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Die hohe Kunst der Improvisation

Hillard Ensemble und Jan Garbarek Die hohe Kunst der Improvisation

Vor 20 Jahren traf sich das Hilliard Ensemble mit dem Saxophonisten Jan Garbarek zum musikalischen Blind Date. Es war der Beginn einer erfolgreichen Zusammenarbeit, die in diesem Jahr zu Ende geht.

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Genossen den Applaus in der Marienkirche – David James (von links), Steven Harrold, Rogers Covey-Crump, Gordon Jones und Saxophonist Jan Garbarek (Mitte und rechts). Foto: Florian Gaertner

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Bereits eine Stunde vor Beginn des Konzertes hatte sich vor den Türen der ausverkauften Pfarrkirche eine lange Warteschlange gebildet. 700 Zuhörer waren gekommen, um das letzte Mal das berühmte britische Hilliard Ensemble zu sehen, das auf seiner Abschiedstournee mit dem norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek am Sonntagabend in Marburg auftrat.

The Hilliard Ensemble und Jan Garbarek traten auf Abschiedstournee in der Pfarrkirche St. Marien auf.

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Die Pfarrkirche St. Marien ist die kleinste Kirche, in der das Ensemble auf seiner Abschiedstournee auftritt. Dennoch wurde sie ganz bewusst gewählt. Der Raum hat für das Ensemble eine ganz besondere Bedeutung. Er ist „wie das sechste Ensemble-Mitglied“, wie Garbarek in einem Interview sagte. Kein Wunder also, dass sich das Quintett die Pfarrkirche aussuchte, die „einen besonderen Eigenhall“ hat, wie Veranstalter Hans Emmert betonte.

Raum als „sechstes Ensemble-Mitglied“

Den Kirchenraum nutzte das Ensemble geschickt. Als Jan Garbarek als erster die Bühne betrat und auf seinem Saxophon zu spielen begann, näherten sich Countertenor David James, Rogers Covey-Crump, Steven Harrold (Tenor) und Gordon Jones (Bariton) langsam und leise summend aus dem Kirchenschiff der Bühne. Ein Summen, das aufgrund des besonderen Halls in jeder Ecke der Kirche zu hören war.

An ihren Notenpulten angekommen, war Garbarek bereits mit seinem Saxophon in der Sakristei verschwunden. Von dort aus umspielte er wie eine frei gestaltende fünfte Stimme die mittelalterlichen Motetten aus dem 13. bis 16. Jahrhundert mit Improvisationen.

Kaum zu glauben, dass sich der große Improvisator Garbarek nach Aussagen des Ensemble-Mitgliedes David James noch nie die Noten zu einem der Stücke angeschaut hat. „Er will nur wissen, in welcher Tonart etwas steht, er hört uns zu, und wenn er sich in die Musik hineinfinden kann, spielt er mit.“ Seine Improvisationskunst habe auch ihnen zu mehr Freiheit verholfen. Dies zeigten sie auch bei ihrem Konzert. Die vier Sänger standen nicht die ganze Zeit an ihren Notenständern, sondern wanderten häufig ohne Partitur durch die Kirche. Zu ihrem Repertoire gehören Lieder wie „Sanctus“ und „Primo Tempore“ von ihrem ersten, 1994 veröffentlichten Album „Officium“, das sich inzwischen über eine Million Mal verkauft hat.

Besonders beeindruckend war die Interpretation des vom Estländer Arvo Pärt komponierten Stücks „Most Holy Mother of God“, bei dem die Sänger abwechselnd das sanft vertonte Gebet anstimmten. Auch Garbarek stimmte mit ein, näherte sich den Gesängen an und wahrte gleichzeitig eine angenehme Distanz. Zuletzt stimmte Bariton Gordon Jones das Gebet an. Die vier Stimmen kamen wieder zusammen, steigerten sich zu einem Crescendo und ließen das Lied leise wieder ausklingen. Unglaublich feine Sangeskunst. Dynamik pur.

Am Ende des Konzertes gab es mehrminütige, teils stehende Ovationen, die das Ensemble mit der Zugabe „Remember me my dear“ honorierte. Damit setzte sich das Ensemble, das Ende dieses Jahres in den Ruhestand geht und sich mit dieser Tournee von den großen Bühnen und Kirchen dieser Welt verabschiedet, ein letztes Denkmal bei seinen Fans.

Am Ende des Konzertes kam es zu einer Unannehmlichkeit. Nachdem die Tourneeleitung herausgefunden hatte, dass ein Zuschauer das Konzert gefilmt hatte, kam es zu einer verbalen und handgreiflichen Auseinandersetzung.

Neben der aus Sicht des Ensemble wunderbaren Kirche gab es einen weiteren Grund für das Hilliard Ensemble nach Marburg zu kommen: Pfarrer Ulrich Biskampf. Zu ihm pflegen die vier Sänger und der Saxophonist ein freundschaftliches Verhältnis. Er und seine Frau luden das Ensemble nach dem Konzert zu selbstgemachtem Bigosch ins Pfarramt ein, das vor allem den aus Polen stammenden Garbarek erfreute. Zu trinken gab es „deutsches Bier“, so Biskamp.

von Ruth Korte

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