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Die dunklen Seiten der Macht

Theater-AG der Elisabethschule Die dunklen Seiten der Macht

Nach Inszenierungen wie „Die Gerechten“, „Verbrennungen“ und „Arturo“ setzte die Theater-AG auch dieses Jahr auf ein Stück, das den Zuschauer zum Nachdenken anregt und ihn mit einem mulmigen Gefühl in die Realität entlässt.

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Die „Gefangenen“ tragen beim „Experiment“ schlichte Hemden mit Namen. Sehr schnell bekommen sie die Macht der „Wärter“ zu spüren.

Quelle: Tobias Purtauf

Marburg. Es ist dunkel in der Waggonhalle, als mittels eines eingespielten Videos „Das Experiment“ beginnt: Während eines Bibliotheksbesuchs oder eines Einkaufs werden Menschen verhaftet. Der Zuschauer erfährt, dass sie Teilnehmer eines Experiments sind, das das Verhalten in Gefängnissen beobachten soll.

Per Zufallsprinzip werden die 20 Versuchspersonen in „Häftlinge“ und „Wärter“ eingeteilt und gemäß ihrer Rolle in Zellen 
eingesperrt oder damit beauftragt, für Ordnung und Sicherheit im „Gefängnis“ zu sorgen. Während die Wärter mit Uniformen, verspiegelten Sonnenbrillen und Schlagstöcken ausgestattet werden, tragen die Häftlinge bloß ein Krankenhaushemd und einen Nylonstrumpf über dem Kopf.

Sehr nah an Originalmaterialien

Der Zuschauer beobachtet, wie die Identität der einzelnen Menschen hinter den Uniformen allmählich verblasst. Nehmen die Häftlinge das Experiment zunächst noch nicht ernst, so gehen die Wärter in ihrer Rolle auf, stellen Regeln auf, nehmen Bestrafungen vor, werden zunehmend gewaltbereiter und erniedrigen ihre Gefangenen, wo sie nur können.

Während die deutsche Verfilmung der Vorlage ein drastischeres Ende inszeniert, hält sich das Stück sehr nah an den Originalmaterialien und Nachbetrachtungen des Psychologen Philip Zimbardo, dessen psychologisches Experiment von 1971 in die Wissenschaftsgeschichte einging. Nach nur 6 von 14 geplanten Tagen brach dieser sein „Stanford-Prison-Experiment“ ab, da es außer Kontrolle geriet und sich die Versuchsleiter eingestehen mussten, dass sie ihre Objektivität verloren hatten.

Die Kritik, die nach Beendigung des realen Experiments laut wurde, wird auch in der Bühnenfassung der Theater-AG der Elisabethschule stark thematisiert: Zimbardo, der einen bestimmten Ausgang des Experiments vor Augen hat, beeinflusst die Versuchspersonen, beteiligt sich schließlich sogar an den Demütigungen gegen die Häftlinge. „Psychologische Taktik statt physischer Gewalt – das gefällt mir“, bewundert er die Maßnahmen der Wärter, als diese durch Manipulation Misstrauen unter den Häftlingen verbreiten.

Machtpositionen werden missbraucht

Dass das Stück dem Zuschauer so nah geht, liegt nicht zuletzt an der durchweg großartigen Leistung der jungen Darsteller: Jonas Gerke etwa schreit sich als Versuchsleiter Zimbardo die Seele aus dem Leib und beim berührenden Klagelied eines Häftlings dürfte im Publikum so manch einer Gänsehaut gehabt haben. Jeder einzelne Darsteller scheint seine Rolle verinnerlicht zu haben – er ist nicht mehr Schüler der Elisabethschule, sondern Wärter, Häftling oder Versuchsleiter in einem Gefängnis.

Beklemmend ist es, mit anzusehen, wie schnell die Wärter in der dichten Inszenierung unter der Leitung von Tobias Purtauf ihre Machtposition annehmen und ausnutzen; verstörend, wie sie zunehmend sadistischere Züge aufweisen. Die Rollen sind austauschbar: Wärter und Häftlinge im Gefängnis, Menschenhändler und ihre Opfer, Gefolgsleute und Unterdrückte in einer Diktatur – wer über fast unbeschränkte Macht verfügt, ist fast immer bereit, diese für seine Zwecke zu missbrauchen.

„Wir haben doch nur getan, was wir tun mussten, oder nicht?“, verteidigt sich eine Wärterin nach Abbruch des Experiments. Was bleibt ist der Schrecken darüber, wozu Menschen imstande sind, wenn sie ihre Verantwortung hinter einer Machtposition ablegen können.

von Selina Boucsein

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