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Die bleierne Schwere der Wolken

Zum Tod von Siegfried Lenz Die bleierne Schwere der Wolken

Mit dem Roman „Deutschstunde“ gelang Siegfried Lenz ein Welterfolg. Dienstag früh starb der große Nachkriegsautor im Alter von 88 Jahren.

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Der Schriftsteller Siegfried Lenz ist tot. Das Archivfoto zeigt ihn Pfeife rauchend bei einem Interview im Jahr 2009.Foto: Maurizio Gambarin

Quelle: Maurizio Gambarini

Hamburg. Das Wetter war wie so oft von ihm beschrieben. Dünner Regen sprühte durch den grauen Himmel, der pfeifende Wind forderte das Hochziehen des Mantelkragens. An diesem unwirtlichen Tag, wie ihn der nördlichste Polizeiposten Deutschlands in Rugbüll erlebt haben könnte, ist dessen Erfinder gestorben: Siegfried Lenz, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller der Nachkriegsliteratur, hat im Alter von 88 Jahren die Kraft verlassen.

Ein Stück Lenz wohnte immer in seinen Figuren, die manchmal konfliktscheu waren, in sich gekehrt, innere Erosion eher still erduldend. Trat er öffentlich auf, schien Lenz die von ihm verursachte Aufmerksamkeit beinahe unangenehm. Als meinte er, die Vorstellung nicht erfüllen zu können, die sich andere von ihm machten. Auf Fragen antwortete er präzise, weise, mit Melancholie und sanftem Humor, durchaus gesprächig, aber niemals geschwätzig.

Der Mann, dessen Besonderheit das Unscheinbare war, kam am 17. März 1926 im ostpreußischen Lyck als Sohn eines Zollbeamten zur Welt. Als 17-jähriger Marinesoldat überlebte er einen Bombenhagel über der Ostsee. Er desertierte, nachdem ein abtrünniger Soldat liquidiert worden war, weil die Nazis „einen Toten brauchten, um uns an ihre Macht zu erinnern“, wie er später sagte. Dem Unterschlupf in Dänemark folgte britische Kriegsgefangenschaft; nach vierjährigem Studium der Philosophie, Anglistik und Literaturwissenschaft arbeitete Lenz als Kulturredakteur der „Welt“ in Hamburg.

Schon in seinem schriftstellerischen Debüt 1951, „Es waren Habichte in der Luft“, griff er die eigene Erfahrung mit totalitärer Herrschaft auf. Unumwunden gab Lenz zu, begeisterter Hitlerjunge gewesen zu sein, bestritt allerdings den Eintritt als Jugendlicher in die NSDAP, als vor Jahren eine Mitgliedskarte gefunden wurde. Schuld empfand er im Erleben, den Zweiten Weltkrieg überstanden zu haben, während andere in seiner unmittelbaren Nähe starben.

Das Werk, das mit dem Namen Lenz immer zuerst verbunden wird, heißt „Deutschstunde“ (1968). In diesem großen Buch um einen Vater-Sohn-Konflikt und die blinde Erfüllung von Pflicht in der Nazizeit hängt die Schwere wie eine dunkle Rugbüll-Wolke, ebenso aber ist es ein Genuss, ein Fest: Wer die Kraft der Sprache liebt, badet in den Bildern von Lenz, seinen Vergleichen, Ausschmückungen, seiner epischen List.

Als Meister der humoristischen Kleinform hatte er sich zuvor in den masurischen Erzählungen „So zärtlich war Suleyken“ gezeigt, die pure Spannung steuerte „Das Feuerschiff“. Das eigene Thema Heimatverlust verarbeitete Lenz in dem auch in Polen gelobten Roman „Heimatmuseum“ (1978). Immer behandelte Lenz Verantwortung, Versagen, Schwäche. Sein Erzählton illustriert die Zerbrechlichkeit seiner Figuren und schont sie, die Außenseiter und Verlierer. Für sein Werk bekam er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den Thomas-Mann-Preis der Stadt Lübeck und viele Auszeichnungen mehr.

Im Alter veränderte sich sein Stil. In „Arnes Nachlass“ reduziert er die Sprachgewalt, ohne dass die Wirkung schwindet. Beim Verfassen dieses Romans über einen Jungen, der an verweigerter Zuneigung zerbricht, habe er seelische Schmerzen gehabt, gestand er. Ebenso intensiv näherte er sich in „Schweigeminute“ (2008) dem traurigen Ende einer Liebe, verfasst mit großer Zartheit. Der Ursprung dieser Novelle liegt im Verlust seiner Frau Lilo. Sie starb 2006, 57 Jahre lang war das Paar verheiratet. 2010 heiratete Lenz die Dänin Ulla Reimer.

Der Autor, in einer Reihe mit Günter Grass, Heinrich Böll und Martin Walser stehend, mischte sich wie diese politisch ein. Unter anderem begleitete der SPD-Stammwähler Kanzler Willy Brandt 1970 - zusammen mit Grass - zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages nach Warschau, und er unterstützte die Sozialdemokraten in Wahlkämpfen. Erst vor zwei Monaten erschien das Buch „Schmidt - Lenz“ über die Freundschaft zwischen ihm und Altkanzler Helmut Schmidt. Gestern, am Tag nach seinem Tod, erschien eine Auswahl von Lenz’ wichtigsten Essays als „Gelegenheit zum Staunen“.

In den letzten Jahren lebte Lenz in einer Seniorenresidenz an der Elbchaussee mit Blick auf den geliebten Strom. Zahlreiche Operationen und Bestrahlungen hatten seiner Gesundheit zugesetzt. Gestern früh ist er im Kreis seiner Familie eingeschlafen.Bei einem hanseatischen Wetter, das niemand jemals fühlbarer beschreiben können wird als Siegfried Lenz.

von Mark Daniel

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