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Die bittere Medizin des Hagen Rether

Ausverkaufte Show in der Stadthalle Die bittere Medizin des Hagen Rether

Der Kabarettist Hagen Rether tarnt sich als Charmeur, wenn er im Plauderton Schneisen durch das Geflecht der deutschen Wirklichkeit schlägt. Am Samstag hielt ihn auch ein Bandscheibenvorfall nicht ab, dem Publikum seine bittere Medizin zu verabreichen.

Marburg. „Nicht zur Wahl gehen, ist wie nicht die Zähne putzen“, doziert der nette Herr im braunen Anzug. „Wenn man es nicht macht, wird es braun.“ Hagen Rether könnte auch Versicherungen oder Bankanleihen verkaufen. Gepflegtes Äußeres, strenger Pferdeschwanz, die Beine leger übereinander geschlagen - mit einem charmanten Lächeln lehnt er sich auf seinem Stuhl zurück und lässt den Blick durch den Saal der Stadthalle Marburg schweifen. Diese ist bis auf den letzten Platz ausverkauft - wie eigentlich immer, wenn er in Marburg auftritt.

Verkaufen will er nichts, der Hagen Rether, seine pointierte Sozialkritik gibt es ohne Aufpreis. Ein Drehstuhl, ein Flügel, dekoriert mit Bananen und Sprühreiniger, gehören zu seiner Standardausstattung. Freitagabend brachte er noch eine Liege mit. Was er tatsächlich von seinen Requisiten nutzt, entscheidet er spontan. Meist sitzt er nur da und redet.

„Hätte ich tagsüber arbeiten wollen, wäre ich nicht Kabarettist geworden“, scherzt er. Und keiner im Saal zweifelt die Richtigkeit der Berufswahl an. „Ich wär auch gern Drohnenpilot. Dann könnte ich von zu Hause aus arbeiten“, leitet Rether zum nächsten Thema über.

Trotz eines Bandscheibenvorfalls serviert er seinem Publikum am Samstagabend kompromissloses politisches Kabarett. Immer im latent abwesenden Selbstgespräch versunken, zieht er schonungslos über die Widersprüchlichkeit der Weltpolitik, die alltäglichen Heucheleien in Berlin oder Kriege jedweder Art her. Lobbyisten kann er gar nicht leiden. Wen wundert‘s? Rether redet sich in Rage, wenn er über Terrorismus oder Waffenhandel spricht.

Mit einem lakonischen „Was reg ich mich auf?“ verfällt er stets in eine gespielte Resignation zurück. Mit bitterer Ehrlichkeit hält er dem Publikum den Spiegel vor. Er erinnert uns immer wieder daran, dass wir bei uns selbst anfangen müssen.

Manchmal schließt er die Augen, lehnt sich weit und müde auf seinem Drehstuhl zurück. Das Publikum wartet gespannt. Nichts! Nach einer gefühlten Ewigkeit schnellt er nach vorne. „Letztes Jahr hat man in Japan rausgefunden, dass Atomkraft gefährlich ist. Wussten Sie das?“

Seine Botschaft ist völlig klar: Hinschauen! Und das nimmt man ihm auch ab, selbst während er zehn Minuten pedantisch den Flügel poliert und dabei über Gewalt gegen Frauen wettert. Am Ende stopft Rether sich noch genüsslich vier Bananen rein, macht es sich auf seiner Liege gemütlich.

Dreieinhalb Stunden Hagen Rether ist immer großes Kino. Wer ihn kennt, der weiß genau, dass die „Kürze“ seiner Show nur der Krankheit geschuldet ist.

Sichtlich gezeichnet bedankt er sich am Ende für den minutenlangen Applaus seiner Fans.

von Jan Bosch

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