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Die Zumutungen der Liebe

Lesung Die Zumutungen der Liebe

Judith Hermann ist für ihre Erzählungen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Jetzt hat sie ihren ersten Roman geschrieben, den sie im TTZ vorstellte.

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Ein ganz eigener Klang: Judith Hermann las im TTZ aus ihrem neuen Roman.

Quelle: Bettina Preussner

Marburg. Wenn Judith Hermann liest, möchte man ihr stundenlang zuhören. Sie spricht mit ruhiger Stimme, akzentuiert und selbstsicher. Überhaupt ist sie ein sehr angenehmer Mensch, locker, unkompliziert, zugewandt, aufmerksam und humorvoll. Das TTZ war bei der Lesung am Mittwochabend bis auf den letzten Platz besetzt. Erwartungsvolle Gesichter rundherum, die Bücher lagen schon zum Signieren auf den Tischen bereit.

Sie freue sich, hier in Marburg zum Abschluss ihrer Lesereise zu lesen, sagte die Autorin zur Begrüßung und legte los. Ihr Roman „Aller Liebe Anfang“ ist 2014 im Fischer-Verlag erschienen und erzählt die Geschichte von Stella und Jason. Die beiden sind verheiratet, haben eine Tochter und leben ein ruhiges Leben in einem Haus am Stadtrand. Doch die Idylle wird gestört durch einen Fremden, der Stella verfolgt und nicht mehr in Ruhe lässt. Ein Alptraum beginnt, der am Schluss gewaltsam eskaliert. Es geht in dem Buch um die Liebe und ihre Zumutungen und um die Brüchigkeit eines scheinbar geregelten Lebens.

Judith Hermanns Sprache ist schnörkellos und klar, ihr Ton fast karg. Dennoch gelingt es ihr, faszinierende Bilder zu zeichnen und die Charaktere psychologisch feinsinnig zu gestalten. „Das Buch ist keine romantische Liebesgeschichte, wie der Titel suggeriert“, erklärte die Autorin. „Es ist vielmehr ein unbehagliches Buch, das Gefühl der Bedrohung ist ein Thema.“ Gleichzeitig sei es eine Art Entwicklungsroman, denn die Hauptfigur Stella verändere sich, so Hermann weiter.

In der anschließenden Gesprächsrunde wurde die Schriftstellerin gefragt, warum sie jetzt einen Roman geschrieben hat, während es bisher nur Erzählungen waren. „Ich habe mich selbst erschrocken, dass ich jetzt einen Roman schreibe“, erläuterte sie. Und weiter: „Die Gattungen sind schwer voneinander zu trennen. Mein Roman hat einen sehr offenen Schluss.“

Auf die Frage, wie sie arbeite, sagte sie: „Das ist ganz unspektakulär. Ich habe einen 14-jährigen Sohn. Wenn er in die Schule geht, gehe ich an den Schreibtisch.“ Manchmal stehe sie um fünf Uhr auf und schreibe, bevor sie mit dem Alltag in Kontakt komme, erzählte sie weiter. Über das Schreiben selbst sagte sie: „Wenn man einen Lauf hat, gibt es eine besondere Form des Glücks, das man mit niemanden teilen kann.“ Leider sei das Schreiben eine sehr einsame Kunst.

Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren, wo sie heute noch lebt und arbeitet. Mit ihrem Erzählband „Sommerhaus später“ gelang ihr 1998 der Durchbruch. Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Es folgten 2003 Erzählungen unter dem Titel „Nichts als Gespenster“. Einige dieser Geschichten wurden 2007 für das Kino verfilmt. Für ihre Bücher wurde die Autorin mit etlichen Preisen geehrt, darunter der Kleist-Preis und der Friedrich-Hölderlin-Preis.

von Bettina Preussner

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