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Die Welt ist ein Höllenschlund

Premiere "Sweeney Todd" Die Welt ist ein Höllenschlund

Das Musical „Sweeney Todd“ ist düsteres Sozialdrama und schwarze Komödie zugleich. Am Samstagabend war Premiere in der ausverkauften Waggonhalle.

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Macht, Liebe, Demütigung und Rache: Das Musical Sweeney Todd brachte am Samstagabend bei der Premiere in der Waggonhalle in Marburg die menschlichen Stärken und Schwächen eindrucksvoll auf die Bühne.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. London, Mitte des 19. Jahrhunderts. Es ist die Zeit der Industrialisierung, der sozialen Umbrüche, der himmelschreienden Ungerechtigkeit. Der Barbier Benjamin Barker wird Opfer des einflussreichen Richters Turpin, der ein Auge auf dessen schöne Frau geworfen hat. Der Richter schickt den Barbier in die Verbannung nach Australien, wo er 15 Jahre unschuldig schmachten muss.

Als Barker unter dem Decknamen Sweeney Todd nach London zurückkehrt, will er nur eines: blutige Rache. In der Pastetenbäckerin Nellie Lovett findet er eine Helferin, die ihm willig und raffiniert zur Seite steht.

Das Musical "Sweeney Todd" feierte in der ausverkauften Marburger Waggonhalle seine Premiere.

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Regisseur Nick Westbrock hat aus dem bekannten Musical ein recht unterhaltsames, vielschichtiges Spektakel gemacht. Deutlich hat er den Zorn des gedemütigten Sweeney Todd (Jochen Schröder) herausgearbeitet, der die Welt nur als grausamen „Höllenschlund“ erlebt. Todd ist zwar verzweifelt, aber er weiß: „Der Tod macht alle gleich.“ Und sofort setzt er seine finsteren Pläne in die Tat um und wird bald zum Serienmörder.

Neben all dem Düsteren gibt es in „Sweeney Todd“ aber auch viele Szenen voll schwarzen Humors, die für manchen Lacher sorgen. Da überlegt die Bäckerin (Amira Bakhit/Franziska Wagner), die die Leichen in ihren leckeren Pastetchen verwurstet, wer wohl am besten schmeckt. „Der Weinbauer - zu sauer. Der Bankier - zu zäh“, heißt es da.

Bitter-süße Liebesgeschichte

Darüber hinaus wird in dem Musical eine bitter-süße Liebesgeschichte erzählt, die zu Herzen geht: Der junge Seemann Anthony Hope (Benjamin Can) verliebt sich in Todds hübsche Tochter (Cara Eckerl) und will sie entführen, um sie vor ihrem brutalen Vormund zu retten.

Die meist jungen Darstellerinnen und Darsteller begeisterten in „Sweeney Todd“ durch ihr gekonntes Spiel und ihr hohes Engagement auf der Bühne. Es gelang ihnen gut, die einzelnen Figuren zum Leben zu erwecken und den Charakteren Profil zu verleihen.

Vom Musikalischen her überzeugte die Inszenierung nicht so recht. Die Sängerinnen und Sänger hatten immer wieder Mühe mit den höheren Tönen und der Intonation, auch die Duette gelangen nicht makellos. Begleitet wurden sie sehr zuverlässig von Sachin Kanse auf dem Stage Piano. Die musikalische Leitung hatte Tom Feldrappe. Gut durchdacht und ansprechend war das schlichte Bühnenbild, das mit wenigen, wirkungsvoll eingesetzten Requisiten auskam: hier ein Sessel, da eine Reisekiste, dort ein zarter Vorhang. Die Kostüme waren ebenso angenehm reduziert und ganz im Stil des 19. Jahrhunderts gehalten. Zusammen ergab sich ein stimmiges Bild, das im wohltuenden Gegensatz zu manch schrill-bunter Musical-Inszenierung steht - ein Lob für Ann-Sophie Paar (Bühne und Kostüme). Das Premierenpublikum zeigte sich begeistert und applaudierte lange und ausdauernd.

  • Weitere Aufführungen gibt es den ganzen August hindurch jeweils um 20 Uhr.

von Bettina Preussner

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