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Die Welt der Wirtschaftswunder-Kinder

Frank Witzel zu Gast im Theater am Schwanhof Die Welt der Wirtschaftswunder-Kinder

Frank Witzels Bestseller-Roman ist ein sperriger Koloss. Genauso sperrig ist der Titel: Am Montagabend las er aus „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“.

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Der Sound einer Generation: Frank Witzel las auf Einladung der Buchhandlung Roter Stern und der Kulturellen Aktion Marburg im Theater am Schwanhof.

Quelle: Bettina Preussner

Marburg. Der Andrang im Theater am Schwanhof war groß: Schon lange vor Beginn der Lesung sammelten sich die Literaturfans im Foyer, und die 200 Plätze im Saal reichten gerade so aus.

800 dicht bedruckte Seiten umfasst Frank Witzels Wälzer, der ihm den Deutschen Buchpreis eingebracht hat. Kaum einer kann den Titel unfallfrei aussprechen, Witzel selbst nennt das Buch meist „Die Erfindung ...“. Gleich zu Anfang der Lesung empfahl der sympathische Autor, den Roman nicht von vorne nach hinten durchzulesen. „Ich habe keine lineare Erzählweise gewählt, sondern ganz verschiedene Perspektiven und Stile“, erläuterte er. Hilfreich sei es auch, das Register oder die Kapitelübersicht im Anhang zur Orientierung zu verwenden.

Träume, Krisen und Alltagserfahrungen

Worum geht es nun in „Die Erfindung ...“? Es geht im Kern um ein historisches Thema: um das Ende der muffigen und rückständigen Nachkriegszeit, das unter anderem durch den Terror der RAF herbeigeführt wurde. Und es geht um die Veränderungen und Umwälzungen in den 60er und 70er Jahren.

Frank Witzel will mit seinem Roman vor allem die Atmosphäre dieser Zeit einfangen, die Welt der Wirtschaftswunder-Generation, ihre Träume, ihre Krisen und ihre Alltagserfahrungen. Da geht es viel um lange Haare und Mädchen, um beste Freunde und Popmusik, um die Nazizeit und um die katholische Kirche.

Frank Witzel schreibt anschaulich und präzise und mit überbordender Fabulierlust. Seine Sprache ist kunstvoll, und er hat einen sehr genauen, auch humorvollen Blick auf die Realität. Es gelingt ihm sehr gut, Stimmung und Atmosphäre der damaligen Zeit zum Leben zu erwecken.

Witzel kennt das Geschäft

Immer wieder wechselt er die Erzählperspektive, mal schreibt er aus der Sicht des pubertierenden Jungen, mal rückblickend aus der Sicht des Erwachsenen. Immer wieder werden Befragungen eingeschoben oder philosophische Reflexionen zu einem Thema.

In dem Gespräch nach der Lesung wurde Frank Witzel gefragt, wie er „zum Statthalter der Großschriftstellerei“ werden wolle. „Der Buchpreis hat mich in die Öffentlichkeit gebracht. Das ist toll“, antwortete der Autor ruhig. „Aber in ein, zwei Jahren werden wir uns in kleinerem Kreis wiedertreffen, da bin ich mir sicher.“

Ein anderer Besucher fragte, wie er den Text komponiert habe, der ja eher einem Steinbruch ähnele. „Als das Buch in den Druck ging, dachte ich: Was habe ich alles vergessen?“, sagte Witzel. Es gebe aber eine grobe Chronologie von der Kindheit über die Teenager-Zeit bis ins Erwachsenenalter.

Schließlich fragte ein Besucher, wie er während des jahrelangen Schreibens mit dem persönlichen Risiko umgegangen sei, denn der Roman sei ja vom Umfang her kein typischer Bestseller. „Ich habe mich mit anderen Tätigkeiten über Wasser gehalten“, erzählte der Schriftsteller, der auch Übersetzer ist. „Dann habe ich den Robert-Gernhardt-Preis bekommen und konnte so das Buch fertig schreiben.“

Schriftsteller, Illustrator und Musiker

Der Robert-Gernhardt-Preis wird seit 2009 von der WIBank gestiftet und zusammen mit dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst vergeben. Jährlich werden zwei Autorinnen oder Autoren ausgezeichnet, die in ihrer Vita oder ihrem Werk einen Bezug zu Hessen haben.

Frank Witzel wurde 1955 in Wiesbaden geboren und lebt als Schriftsteller, Illustrator und Musiker in Offenbach. Er hat bereits die Romane „Bluemoon Baby“, „Vondenloh“ sowie „Revolution und Heimarbeit“ veröffentlicht.

von Bettina Preussner

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