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Die Verzweiflung der Ärmsten

Marita Metz-Becker stellt ihr Buch vor Die Verzweiflung der Ärmsten

Wenn Mütter ihre Babys töten, muss die Verzweiflung groß sein. Im 18. und 19. Jahrhundert waren Kindstötungen weit verbreitet. Die Kulturwissenschaftlerin Marita Metz-Becker hat sich auf Spurensuche begeben.

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Marita Metz-Becker hat im „Roten Salon“ des von ihr gegründeten Hauses der Romantik Platz 
genommen. Sie hat ein neues Buch über Kindsmörderinnen geschrieben.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. Catharina Diensdorf gehörte zu dem Ärmsten der Armen im wirtschaftlich extrem rückständigen Hessen des 19. Jahrhunderts. 1865 wurde die ledige Dienstmagd aus Wehrda zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, weil sie ihr neugeborenes Baby getötet haben soll. 
Catharina Diensdorf war 36 Jahre alt, es war ihr drittes Kind, das sie nie hätte versorgen können.

Kaum ein Thema erregt die Menschen heute so sehr wie Kindstötungen, insbesondere wenn Mütter oder Väter ihre eigenen Kinder umbringen. Es ist ein trauriges, emotional aufrüttelndes Thema. Im 18. und 19. Jahrhundert waren Kindsmorde weit verbreitet. Es gab keine wirksamen Verhütungsmittel, Abtreibungen waren angesichts der medizinischen Kenntnisse in dieser Zeit undenkbar, uneheliche Geburten weit verbreitet.

Vor allem ledige Dienstmägde, die oft im Haus ihrer Arbeitgeber lebten, wussten oft keinen anderen Ausweg als die Tötung der Neugeborenen, denn eine Schwangerschaft war ein Kündigungsgrund, die wiederum oft gleichbedeutend mit Obdachlosigkeit und noch größerem Elend war.

Über 100 authentische Fälle

Die Marburger Professorin Marita Metz-Becker beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesem Kapitel der hessischen Geschichte: 2012 erschien im 
Jonas-Verlag ihr Buch „Kindsmord und Neonatizid. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf die Geschichte der Kindstötung“. Neu erschienen ist jetzt ihr Buch „Gretchentragödien. Kindsmörderinnen im 19. Jahrhundert (1770 – 1870)“.

Über 100 authentische Fälle hat die 1953 in Breitscheid geborene Kulturwissenschaftlerin im Hessischen Staatsarchiv 
recherchiert. Die Aktenlage zu Kindstötungen dort sei in dieser Dichte einzigartig, sagt sie. Die Gerichtsakten, manche bis zu 600 Seiten dick, sind, wie Metz-Becker betont, schwer zu lesen. Es gab damals keine einheitliche Schrift, keine einheitliche Rechtschreibung, Zeichensetzung war Willkür.

Der Titel ihres Buches, „Gretchentragödien“, spielt auf Goethes „Faust“ an. Das Thema Kindstötungen war damals so virulent, dass sich Dramatiker, Dichter und Wissenschaftler wie Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe oder Jakob Michael Reinhold Lenz literarisch mit der Not der Frauen auseinandersetzten und Juristen, Pädagogen, Mediziner und Philosophen öffentliche Debatten führten.

„Die Ärmsten der Armen waren die Dienstmägde“

Diese Debatten weisen einerseits auf die große Zahl ungewollter Schwangerschaften und die große Zahl von Kindstötungen hin, andererseits auf die Ziele der Aufklärer, die die sozialen Verhältnisse anprangern. So wurden auch infolge dieser Debatten im Laufe des 19. Jahrhunderts zusätzliche Strafen wie Kirchenbuße, Pranger, Hurenkarren und Folter abgeschafft, wie Metz-Becker betont.

Gleichwohl blieb die Situation für die betroffenen Frauen bedrückend. „Die hohe Zahl der unehelichen Geburten hat ihren Grund in der zunehmenden Verelendung der Bauern dieser Zeit. Und die Ärmsten der Armen waren die Dienstmägde“, sagt die Autorin. Sie hätten keine Chance gehabt, eine eigene Familie zu gründen.

Viele Frauen, die laut Aktenlage verurteilt wurden, seien schon älter gewesen, hätten oft bereits Kinder gehabt. „Für das erste Kind konnten sie oft noch jemanden finden, der es großzog. Beim zweiten oder dritten ging das nicht mehr, dafür reichte ihr karger Lohn nicht aus.“ Die Väter, meist ebenfalls mittellose Soldaten, Handwerker, setzten sich ab.

Gnadenlose Zustände in Gefängnissen

Hessen war damals das Armenhaus Deutschlands. Ursache sei eine rückständige Politik gewesen. Marita Metz-Becker 
stach bei ihren Recherchen auch „die Hartherzigkeit der Obrigkeit“ ins Auge, insbesondere auch gegenüber den Kindern der verurteilten Frauen. „Es gab keinen Haft-Erlass oder gar 
eine Familienzusammenführung. Es war gnadenlos.“

Gnadenlos waren auch die Verhältnisse in den hessischen Gefängnissen. Zwar wurde die Todesstrafe für das eigenständige Delikt „Kindstötung“ nicht mehr ausgesprochen, doch eine lange Haft in feuchten, dunklen Verliesen war oft gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Mit der deutschen Reichsgründung 1871 verbesserte sich allmählich zumindest die wirtschaftliche Situation in Hessen, „Kindstötungen wurden seltener“, so Marita Metz-Becker.

Ihr Buch gibt Einblicke in den bedrückenden Alltag der ungebildeten Frauen aus der sozialen Unterschicht dieser Zeit. „Man ist dankbar, dass man nicht in dieser Zeit gelebt hat und trotz manch berechtigter Kritik auch dankbar für die Durchlässigkeit unseres heutigen Bildungssystems.“

  • Marita Metz-Becker: „Gretchentragödien. 
Kindsmörderinnen im 19. Jahrhundert“, 
 U. Ulmer-Verlag 254 Seiten, 19,95 Euro.

von Uwe Badouin

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