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Die Unschuld des Nicht-Wissens ist weg

Kabarettherbst Die Unschuld des Nicht-Wissens ist weg

„Ein Hexenkessel. Wie man es kennt.“ Kabarettist Christoph Sieber ist zurück in Marburg und noch dazu „hoffnungslos optimistisch“. Auch wenn es dazu eigentlich gar keinen Grund gibt.

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Christoph Sieber macht klassisches Politkabarett. Durch seine Show „Mann, Sieber“ im ZDF wird er immer bekannter.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Machen wir uns nichts vor. Das Beste liegt schon hinter uns. Wir wollen keine Zukunft mehr. Die Bildungsrepublik? Ein Märchen. In der Schule lernt man, auf Belohnung zu reagieren und Bestrafung zu vermeiden. Wir haben Apps, die vor Straßenlaternen warnen. Funktions­hosen.

Und eine Kanzlerin, die uns eine Wirklichkeit präsentiert, die mit der Realität nichts mehr zu tun hat. Demokratie? Eine „Finanzoligarchie mit 
demokratischen Applikationen“ trifft es wohl eher, diagnostiziert Christoph Sieber.

Zwei Jahre hat er recherchiert. Und, so viel verrät er am Samstagabend im ausverkauften KFZ gleich am Anfang, keine Antworten parat. „Sie werden mit den Fragen leben müssen, die ich gefunden habe.“ Aber Hauptsache, wir haben ein Feindbild, das ist das Wichtigste – „deshalb halten auch so viele Ehen“. Der Politiker an sich. Oder lieber „der faule Grieche“?

Kabarettistischer Feingeist

Natürlich haben die Menschen Ängste. Nur leider die 
falschen. Christoph Sieber jedenfalls wüsste, ob er nachts lieber allein auf 20 Flüchtlinge oder 20 Nazis treffen würde. So oder so – wohl dem, der nach einem Flugzeugabsturz ein 72-Stunden-Deo parat hat.

Sieber beweist einmal mehr, warum er bereits diverse Kabarettpreise gewonnen hat und seit letzter Woche gemeinsam mit seinem Kollegen Tobias 
Mann in einer eigenen ZDF-Show („Mann, Sieber!“) auftritt. Selbst bei einem verbalen Vorschlaghammer lässt er keinen Zweifel daran, dass der 
von einem kabarettistischen Feingeist geschwungen wird. Und genauso demonstriert er, dass auch der minutiösesten thematischen Autopsie ab und an ein ordentlicher Schuss Klamauk nicht schadet.

Politik und die NSA, Angela Merkel und intelligente Socken – nichts und niemand entkommt Christoph Sieber. Und dabei schont er auch sein Publikum und sich selbst nicht. Was wird man über uns sagen, in 20, 30 Jahren? Dass wir einfach weitergemacht oder gerade noch die Kurve gekriegt haben?

„Wer bin ich?“

„Es gibt die Unschuld des Nicht-Wissens nicht mehr.“ Sieber kommt gewissermaßen in aufklärerischer Mission. Einer, der sich nicht gewöhnen will, wie er in seiner Zugabe formuliert – auch wenn dies, das 
Publikum hat es ja nicht anders gewollt angesichts des großen Jubels, ein depressives Ende des Programms bedeutet.

Umweltfreundliche Autos? Das sind Fahrräder. Ansonsten existieren die ebenso wenig wie glückliche Kühe. Am Ende leben wir in einer riesigen Matrix, in der strunzdoofe Algorithmen vom Sessel an den Kühlschrank funken, dass wir zugenommen haben und Siri die Frage „Wer bin ich?“ beantworten muss. Und die Griechen könnten auch einen Fetakäse wählen, regieren würden eh IWF und EZB.

Zwischendurch schlüpft Christoph Sieber dann noch unter ein Käppi oder in ein Jacket und entlarvt in kleinen, feinen Rollen phrasendreschendes Marketing-Gewäsch und scheinheilige Charity-Wohltäter, die Shrimps gegen den Hunger in der dritten Welt fressen. Eine kabarettistische Lehr- und Sternstunde.

von Nadja Schwarzwäller

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