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Die Ukraine hat keine Zukunft

Andrej Kurkow im Café Vetter Die Ukraine hat keine Zukunft

Andrej Kurkow lebt in Kiew. Der renommierte Autor zählt zur russischsprachigen Bevölkerung der Ukraine. Am Sonntag las er im Café Vetter aus seinen „Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protests“.

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Der Autor Andrej Kurkow diskutierte nach der Lesung ausgiebig mit interessierten Besucherinnen und Besuchern.Foto: Tabea Reinelt

Quelle: Picasa

Marburg. Am Sonntagmorgen wurde im Café Vetter heftig diskutiert. Noch bevor der renommierte ukrainische Autor Andrej Kurkow das Podium betrat, hörte man politische Diskussionen an den Tischen. Welche Stellung würde der Autor, ein russischsprachiger Ukrainer, zur ukrainischen Tragödie beziehen?

Andrej Kurkow ist in Russland geboren, lebt allerdings seit frühester Kindheit in Kiew. Er selbst bezeichnet sich daher als „ethnischen Russen“. Mit der russischen Politik ist er nicht einverstanden. Auch die ukrainischen Verhältnisse kritisiert er in seinem Tagebuch. Zu dem ehemaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch äußert er sich besonders negativ.

Kurkow begann seine Lesung mit einem Tagebucheintrag vom 21. November 2013. Es war der Tag, an dem die Regierung unter Janukowytsch das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nicht unterzeichnete. Viele Ukrainer gingen empört auf die Straße. Wie schon bei der Revolution 2004 versammelten sie sich auf dem Maidan in Kiew. Doch diesmal waren die Proteste nicht friedlich. Die bis Ende Februar 2014 anhaltenden Demonstrationen forderten fast 100 Menschenleben.

Der Autor beschreibt die Eskalation der Gewalt, die Annexion der Krim durch Russland, die drohende Spaltung des Landes aus nächster Nähe, denn die Proteste auf dem Maidan finden direkt vor seiner Haustüre statt. Kurkow erzählt von chaotischen Zuständen, von Polizeigewalt und von der Angst der Menschen vor dem Krieg. Dabei schafft er es, trotz der ernsten Themen, immer wieder ein Schmunzeln auf die Lippen der Zuhörer zu zaubern. Kurkow ist für seinen Humor bekannt.

Die ukrainische Realität ist für ihn traurig. So schreibt er von bewaffneten Protestgruppen, die Banken besetzen. Nicht etwa um sie auszurauben, sondern um sie vor Einbrechern zu schützen. Das Vertrauen der Menschen in die Regierung scheint ausgelöscht. „Ob sich aus Hass ein Klebstoff herstellen lässt?“, fragt Kurkow, Klebstoff, um die auseinanderbrechende Urkaine wieder zusammenzufügen. Er ist skeptisch: „Wir haben keine Zukunft.“

Nach der Lesung lud er ein, Fragen zu stellen. Sofort schnellten Hände in die Höhe, die 60 Zuhörer hatten Redebedarf. Dabei fiel auf, wie gut die meisten über die aktuelle Lage informiert waren. Endlich konnten sie jemanden befragen, der dabei war und auch noch die Politiker kennt, über die er schreibt.

Dass in der Ukraine Faschisten an der Macht seien, wehrte er als russische Propaganda ab. Es gebe höchstens Nationalisten, meinte er. Und er glaubt, dass die Ukraine das Opfer von Russland bleibt.

Andrej Kurkow: „Ukrainisches Tagebuch. Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protests“, Haymon-Verlag, 280 Seiten, 17,90 Euro

von Tabea Reinel

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